Networking in Lederhosen

Auch in seiner 184. Neuauflage ist das Oktoberfest auf der Münchner Theresienwiese eine riesige Kommerzveranstaltung.

Von Henning Peitsmeier
Vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) ist überliefert, dass er sich in seinen Maßkrug stets Alkoholfreies einschenken ließ. Manchmal, wenn nach mehreren Reden in den lauten und heißen Festzelten die Stimme doch schon arg in Mitleidenschaft gezogen war, soll Stoiber gar auf Kamillentee umgestiegen sein.
Letzteres ist freilich nur ein Gerücht, mit dem bösartige Zungen so manchem bayerischen Trachtenträger mit CSU-Parteibuch den letzten Schrecken einjagen können – als ob er mit all den Italienern, Japanern und sogar Preußen in Alpenkleidung nicht schon genug hinzunehmen hätte. Die „Wiesn“, das größte Volksfest der Welt, ist aus Sicht des Münchners weiß Gott nicht mehr das, was es einmal war.

Auch in seiner 184. Neuauflage ist das Oktoberfest auf der Münchner Theresienwiese eine riesige Kommerzveranstaltung. Das liegt an all den Mittelständlern und Großunternehmen, die in den Festzelten für ihre Geschäftspartner und Kunden Tische reserviert haben. Da lädt seit Jahren etwa der BMW-Konzern seine Sport-Botschafter und prominenten Athleten zum traditionellen Armbrustschießen ins Armbrustschützenzelt ein. Und die zur französischen BNP Paribas gehörende DAB Bank veranstaltet ihren Investmentkongress stets in der ersten Festwoche und bewirtet auf der Wiesn ihre Vermögensverwalter und Geschäftskunden. Und Regine Sixt, Gattin des Münchner Autovermieters Erich Sixt, bittet Unternehmerinnen hier regelmäßig zur „Damenwiesn“.

Schon mit dem ersten Anstich, an diesem Samstag Punkt zwölf Uhr im Schottenhamel-Festzelt, geht es los. Dann schwingt Oberbürgermeister Dieter Reiter den Holzhammer, und die darauf folgenden zwölf Böllerschüsse sind untrügliches Zeichen, dass auch in allen anderen Bierzelten „ozapft is“ und das erste Wiesnbier ausgeschenkt werden darf. Von nun an herrscht an den 16 Feiertagen Ausnahmezustand auf dem Festgelände. Mehr als fünfeinhalb Millionen Besucher werden erwartet, und in den Zelten tummelt sich zwischen all den normalen Besuchern stets die unvermeidbare Wiesn-Prominenz zum Schau-Prosten in den VIP-Boxen, von den Effenbergs über Boris Becker bis zu Roberto Blanco und Uschi Glas. An dem alten Schickeria-Grundsatz aus Zeiten von Helmut Dietls Klatschreporter Baby Schimmerlos wird dabei nicht gerüttelt: Wer reinkommt, ist drin.

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All das macht das Oktoberfest zu einem medialen Ereignis, zu einer „weltweiten Brand“, wie Marketingleute sagen. Vom Wiesn-Flair wollen viele profitieren, schnell geht es ums Geschäft und nicht nur darum, die Maßkrüge zu leeren oder im Takt „Alice, who the fuck is Alice“ zu grölen. Und an dieser Stelle kommt Edmund Stoibers Maßkrug-Trick ins Spiel. Eine Empfehlung für alle, die auf dem Oktoberfest den nächsten Geschäftserfolg oder Karriereschritt planen: immer schön nüchtern bleiben! Das sagt jedenfalls Harald Lais, der Direktor des Unternehmernetzwerks Business Network International (BNI) in Deutschland und Österreich. „Nach drei Maß fahr ich noch Achterbahn“ gehört für Lais zu jenen verkrampften Showeinlagen, die jede ernsthafte Kontaktanbahnung schnell zunichtemachen können. Sein Tipp für das erfolgreiche Netzwerken: „Treten Sie wie ein guter Gastgeber auf Ihrer eigenen Hausparty auf. Stellen Sie sich Ihrem Gesprächspartner vor, lassen Sie sich auf andere Themen ein und überraschen Sie Ihr Gegenüber mit der Frage: ,Was kann ich für Sie tun?'“

Lais ist selbst ein erfahrener Wiesn-Besucher, seit er vor 13 Jahren für BNI die Münchner Niederlassung eröffnet hat. Im BNI haben sich 210 000 kleine und mittelständische Betriebe und Freiberufler zusammengeschlossen, allein in Deutschland und Österreich sind es rund 11 000. Vom Apotheker über den Dachdecker bis hin zum Zahnarzt können Gewerbetreibende beim BNI in München Tische und Boxen auf der Wiesn buchen.
Immer geht es um den gegenseitigen Austausch, um Geschäftskontakte und die Weitergabe von Empfehlungen. Und die BNI-Geschäftsleute tragen obendrein Namensschilder, damit das Netzwerken auch im Bierdunst leichtfällt. „Geschäftsabschlüsse müssen nicht immer eine trockene Angelegenheit sein“, sagt Lais. Dass das Oktoberfest trotz all seiner unangenehmen Begleiterscheinungen wie den Maßkrug-Schlägereien und Schnapsleichen nach Schankschluss der richtige Ort fürs Business ist, daran hat Lais keine Zweifel. „Die Wiesn ist weltweit einzigartig“, ist der BNI-Direktor überzeugt.

Tatsächlich ist das Oktoberfest nach wie vor ausgebucht. Die meisten Gewerbetreibenden schicken ihre Reservierungsanfragen für die Zelte viele Monate im Voraus los. Das hat auch mit einer Neuerung zu tun, die vor ein paar Jahren die Festwirte um sicher geglaubte Einnahmen bangen ließ: Auf Betreiben der Stadt München musste das Reservierungssystem geändert werden. Damit es mehr Sitzplätze an den Tischen für spontane Besucher gibt, dürfen nicht mehr so viele Tickets für Firmenevents vorgehalten werden. So manches Unternehmen hat sich daher von der Wiesn verabschiedet.
Der Siemens-Konzern plant seit Jahren keine Veranstaltungen mehr für die eigenen Mitarbeiter, und auch BMW verfährt so. „Wenn eine Abteilung auf die Wiesn geht, dann ist das in der Regel selbst organisiert und selbst bezahlt“, sagt ein Konzernsprecher. Die Allianz wiederum überlässt es ihren Versicherungsvertretern, ob diese ihre langjährigen Geschäftspartner in eines der Zelte einladen möchten. „Unsere Agenturen machen das auf eigene Rechnung“, erklärt eine Allianz-Sprecherin und verweist auf strenge Unternehmensrichtlinien. So dürfen Privatkunden nicht eingeladen werden, Kundenanbahnungsgespräche sind zudem unerwünscht, und auch die Bewirtungskosten müssen im Rahmen bleiben.

Für viele ausländische Konzerne, die in München eine Niederlassung haben, übt das Oktoberfest einen besonderen Reiz aus. Vor allem die Amerikaner lieben die Wiesn. Als etwa der Silicon-Valley-Konzern Google auf der Suche nach einem Standort für sein Entwicklungszentrum fündig wurde, waren viele Mitarbeiter froh, dass sie von ihren Büros an der Hackerbrücke die Wiesn in wenigen Minuten zu Fuß erreichen konnten. Angeblich sollen die Toiletten im Google-Quartier mit Dirndln und Lederhosen gekennzeichnet sein.
Ansonsten bleibt auf dem Oktoberfest vieles beim Alten. Der gediegene Wiesn-Besucher isst Ente bei Käfer oder Steckerlfisch bei der Fischer-Vroni, so mancher schwört auf die Hendl bei Ammer oder geht ausnahmslos in die Ochsenbraterei. Heruntergespült wird alles ausschließlich mit Oktoberfest-Bier, das nur von den sechs Münchner Brauereien gebraut werden darf. Dafür gibt es sogar ein richterliches Urteil. Denn das Landgericht München hat schon vor gut zwei Jahrzehnten entschieden, „dass das Oktoberfest das Fest des Münchner Bieres ist“.

Das zu wissen muss für das Netzwerken kein Nachteil sein. Tatsächlich sind von den sechs Münchner Biermarken vier gar nicht mehr allein in Münchner Hand. Löwenbräu und Spaten gehören zur belgischen AB-Inbev-Braugruppe; bei Hacker-Pschorr und Paulaner spielt der niederländische Heineken-Konzern mit. Angesichts der Stammwürze von mindestens 13,5 Prozent und gut 6 Prozent Alkohol hat das ein Wiesn-Gänger, sollte er es denn überhaupt gewusst haben, spätestens nach zwei Maß garantiert vergessen.
In diesem Jahr kostet die Maß übrigens mindestens 10,60 Euro und ist damit noch einmal etwas teurer geworden als im Vorjahr. Die vergangene Wiesn war angesichts der Terrorwarnung mit 5,6 Millionen Gästen das am schlechtesten besuchte Oktoberfest seit 2001. Ein gigantisches Massenbesäufnis mit insgesamt 6,1 Millionen ausgeschenkten Maßkrügen war es trotzdem. Vielleicht klappt es heuer mit einem neuen Rekord an Alkoholvergiftungen; vergangenes Jahr waren es 593.

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