„Reines Online-Netzwerken ist Blödsinn“

Wer Karriere machen will, knüpft viele Verbindungen.

Manche sammeln jedoch Kontakte wie Trophäen – ohne Rücksicht darauf, ob die Chemie stimmt. Über die Vorteile und Fallstricke des Netzwerkes.

Online-Netzwerken

Im Gespräch: Doris Brenner

Frau Brenner, Netzwerken scheint das neue Mantra in der Berufswelt zu sein. Erstaunlich, wer sich so alles in beruflichen Netzwerken tummelt und dort auf seine 999-Plus-Kontakte verweist.

Was diejenigen stolz macht, das macht mich misstrauisch. Niemand kann zu mehr als 1000 Menschen intensive Kontakte pflegen. Ich sage da Vorsicht, Vorsicht.

Als Personalentwicklerin, Karriereberaterin, Coach, Referentin und Gründungsvorstand der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung dürften Sie selbst in den Netzwerken aber durchaus begehrt sein.

Ich akzeptiere eine Kontaktanfrage nur, wenn ich eine Person persönlich kennengelernt habe oder sie mir von einem vertrauenswürdigen Menschen empfohlen wurde.

Und wenn das nicht der Fall ist?

Dann nehme ich telefonisch Kontakt auf und frage konkret nach, warum sich jemand mit mir vernetzen möchte. Ist das eine 0815-Anfrage, dann lehne ich das ab. Das muss schon seriös sein, ich bin da sehr zurückhaltend, weil ich mit meinem Namen bürge.

Manche dürften dennoch einfach nur auf „akzeptiert“ klicken und sich gar nicht erst die Mühe machen, zu recherchieren, das heißt zu telefonieren.

Ja, aber die Mühe lohnt sich. So gab es einen Personalberater, der sich über Xing mit mir verknüpfen wollte und auf eine gemeinsame Bekannte verwies. Ich kannte den Mann aber nicht. So habe ich diese Bekannte angerufen, da stellte sich heraus, dass sie den Herrn auch nicht kannte. Wenn man das zu Ende denkt, so kann sich jeder ein großes Netzwerk aufbauen, ohne die anderen überhaupt zu kennen. Das lehne ich ab.

Andere sind da weniger zurückhaltend, setzen auf Quantität statt Qualität.

Das wundert mich. Ein wirkliches, stabiles Netzwerk erkennt man nicht daran, wer mit wem auf einer virtuellen Plattform verknüpft ist. Ich möchte auch gar nicht, dass jeder weiß, mit wem ich einen engen Kontakt habe, ich will das nicht preisgeben, das soll nicht für jeden lesbar sein. Kurzum, ich will Privatsphäre und kein gläserner Mensch sein.

Warum soll ich denn überhaupt netzwerken? Bei manchen scheint das nach oder während der Arbeit von der Neben- zur Hauptsache geworden zu sein.

Um das Risiko zu minimieren, mit guten Ideen zu scheitern. Um eigene Vorstellungen und Ziele verwirklichen zu können, muss man sich mit den richtigen Menschen verbinden. Die Idee des Netzwerkens ist uralt, ob man nun die alten Gilden anguckt oder die Suffragetten. Das ist ein Urbedürfnis von Menschen. Und es hat auch einen ökonomischen Faktor, denn gemeinsam erreicht man leichter etwas.

Der Schritt zur Vetternwirtschaft scheint kein großer zu sein.

Sich zu vernetzen darf natürlich auf keinen Fall dazu führen, Fragen der Fairness und der Qualität zu vernachlässigen. Dann wäre das tatsächlich Vetternwirtschaft. Es geht immer um Haltung. Die eigene moralische Haltung ist für mich der Maßstab, mit jemandem in Kontakt zu treten, ihn möglicherweise um eine Empfehlung zu bitten.

Das hat aber schnell einen Beigeschmack, den anderen zu benutzen.

Diesen Einwand höre ich öfter. Ich gebe regelmäßig Seminare zur beruflichen Orientierung, unter anderem bei Doktoranden der Ludwig-Maximilians-Universität in München, das sind oft Natur- und Geisteswissenschaftler, und am Karlsruher Institut für Technologie, einer Premiumhochschule für Ingenieure. Tatsächlich fragen die Absolventen kritisch nach, ob es denn nicht reiche, sich einfach auf Stellenanzeigen zu bewerben.

Und reicht das? Braucht es Empfehlungen? Da steigen unangenehme Bilder von ehrgeizigen Vätern auf, die auf dem Golfplatz ihre untalentierten Söhne den Geschäftspartnern andienen.

Genau das lehne ich ab. Da muss man unterscheiden. Mir geht es nicht um die ehrgeizige Mutter, die sagt: Das regele ich schon! Da bringe ich dich rein! Es geht beim Netzwerken nicht darum, das gleiche Parteibuch oder den gleichen familiären Hintergrund zu haben. Ich denke an selbsterarbeitete Leistung. Zum Beispiel an Praktika, die der Bewerber gemacht hat, wo er sich gut integriert, gute Arbeit geliefert hat. Das hat er sich doch selbst erarbeitet, dafür muss er sich nicht schämen. Auf diese selbstgeknüpften Kontakte sollte man zurückgreifen. Das ist aber der Mehrzahl der jungen Absolventen nicht klar.

Was sich fast unvorstellbar anhört in einer Gesellschaft mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung und Selbstbanalisierung.

Es gibt einige Selbstdarsteller im Netz. Dieses nervige Namedropping, dieses penetrante Verweisen, wen man alles kennt. Darüber klagen Personalberater zu Recht. Das ist genau das, was ein qualitatives, positives Netzwerken nicht meint. Netzwerken basiert auf Hilfsbereitschaft, erfordert Geduld. Reiner Eigennutz als Haupttriebfeder wird das nicht tragen. Netzwerken ist ein auf Geben und Nehmen ausgerichteter partnerschaftlicher Prozess, von dem alle Beteiligten profitieren sollten. Betrachten Sie es einmal aus einer anderen Perspektive: Wenn Sie jemanden kennen und schätzen, dann fällt es Ihnen doch auch leichter, mit ihm ein Projekt zu machen. Jemanden intensiv zu kennen und ihm zu vertrauen, das hat keine negative Konnotation.

Sie haben ein Buch zum Thema geschrieben („Networking im Job. Wie es Spaß macht und funktioniert“) und nennen Möglichkeiten von Berufsverbänden bis zu Gruppen, die eine erstaunliche Eigendynamik entwickeln.

Zum Beispiel junge Chemiker, die ich für ein Coachingprojekt der Gesellschaft Deutscher Chemiker ein Jahr lang begleitet habe. Das ist neun Jahre her. Seitdem treffen sich die ehemaligen Young Professionals nicht mehr einmal im Monat, sondern immerhin noch dreimal im Jahr, reisen für einen halben Tag Austausch beispielsweise von Hamburg, Oldenburg, Niederbayern und aus der Schweiz nach Frankfurt. Das ist auch ein Netzwerk, ein informelles, denn da werden mögliche Probleme in einem Kreis Vertrauter reflektiert.

Diese Freiheit, in einem Kreis Wohlgesinnter etwas zu besprechen, schätzen auch besonders erfolgreiche Menschen.

Das sehe ich in Premiumnetzwerken bestätigt. Da kommen Menschen der oberen Führungsebene zusammen und genießen es, in einem Kreis einfach mal einen Gedanken zu äußern, ohne dass sofort fünfzig Menschen hinter ihnen stehen, die daraus sofort ein Projekt entwickeln wollen. Es geht einfach nur um konstruktiven Meinungsaustausch. Das sind Leute, die es nicht mehr nötig haben, sich untereinander zu profilieren, die kommen dann einfach mal zu sich selbst.

Netzwerken scheint auch ohne großes Etikett zu funktionieren.

Es findet täglich statt, ohne dass man das so nennt. Einfach in der täglichen Zusammenarbeit, etwa bei Projekten, wenn es darum geht: Wen hole ich mir da rein? Es spiegelt sich in Arbeitskreisen. Wer ist ein Kooperationspartner? Ich habe einen Kandidaten, kenne seine Expertise und hole eine Einschätzung dazu, eine Meinung, von jemandem, dessen Meinung ich schätze. Das ist die Grundlage von Vertrauen.

Was rein virtuell aber kaum erzeugbar ist.

Eingleisiges Online-Netzwerken ist völliger Blödsinn. Das zeigt sich schon an Dating-Börsen, dem Warenhaus der Partnersuche. Irgendwann müssen sich die Leute persönlich treffen, daran führt kein Weg vorbei. Das tun dann ganze Xing-Gruppen, deshalb gibt es unter anderem die Youtube-Messe. Was nützt der ganze Aufwand, wenn der Funke nicht überspringt? Die fachlichen Aspekte können alle passen, wenn die Chemie nicht stimmt, wenn man keinen Draht zueinander hat, wird das nichts. Personalentscheidungen sind auch Bauchentscheidungen, auch wenn das nicht gern zugegeben wird. Ich bin heilfroh, dass wir Menschen sind und keine Roboter.

Um auf Fortbildungsveranstaltungen oder Messen andere kennenzulernen, gibt es inzwischen ganze Seminare über Smalltalk-Techniken.

Das ist auch so ein Reizwort. Introvertierte bekommen Schweißausbrüche, wenn sie damit konfrontiert werden. Gerade Naturwissenschaftler tun sich damit schwer. Zu Unrecht. An sich ist Smalltalk ein Segen für schüchterne Menschen, denn es ist eine sehr unverbindliche, sanfte Form, um Kontakt aufzunehmen. Man beschnuppert sich, entweder wird man warm miteinander oder eben nicht. Ohne Gesichtsverlust wieder gehen zu können, das ist eigentlich ein Segen. Man darf das nicht so zwanghaft sehen.

 

Das Gespräch führte Ursula Kals.

 

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