Es wird eng mit der Denkfreiheit auf dem Campus

An britischen Universitäten nimmt die Kontrolle der Sprache und des Verhaltens wahnhafte Züge an

LONDON, im März

Der Begriff „Gentlemen’s Agreement“ für eine Verabredung unter Ehrenleuten ist nicht so alt, wie man meinen könnte. Er entspringt auch nicht der privilegierten Welt der englischen Herrenclubs, sondern kam zunächst in den Vereinigten Staaten in Umlauf. In der englischen Literatur findet er erstmals 1929 bei P.G. Wodehouse Erwähnung. Bei übersensiblen Egalitaristen beschwört der Begriff antiquierte Vorstellungen von galantem Benehmen, das in dem überreizten Klima von heute mit Klassendenken und einer Männergesellschaft gleichgesetzt wird. „Der Begriff kollidiert mit dem Drang, den Sexismus zu beseitigen“, stellt der amerikanische Anwalt und Lexikograph Bryan Garner in seinem Standardbuch über den Sprachgebrauch im Rechtswesen fest. Es gebe verschiedene Alternativen, doch seien diese „offenkundig unzulänglich“, schreibt Garner. „Letzten Endes wird der Begriff Gentlemen’s Agreement wahrscheinlich viele Autoren ins Schleudern bringen, die nicht sexistisch sein wollen.“

Eine walisische Hochschule glaubt, diesen Menschen aus der Verlegenheit helfen zu können mit einem „Verhaltenskodex für den Gebrauch von inklusiver Sprache“, der unerwünschte Begriffe wie „Gentlemen’s Agreement“ neben Vorschlägen für akzeptable geschlechtsneutrale Alternativen aufführt. Die schwarze Liste der Cardiff Metropolitan University besteht bereits seit mehr als zehn Jahren, ist aber jetzt in die Schlagzeilen geraten im Zusammenhang mit der allgemeinen Diskussion über das zunehmend restriktive und präskriptive Klima im Hochschulwesen und anderswo. Zeitungen weiden sich fast täglich an frischen Beispielen für absurde Verordnungen im Namen der Rücksichtnahme gegenüber Schwächeren, wie der Empfehlung des Ärzteverbands, von „werdenden Personen“ statt „werdenden Müttern“ zu reden und das Stillen als „chest feeding“ statt „breast feeding“ zu bezeichnen, um schwangere Transgender-Männer nicht zu verletzen.

Diese Weisungen wirken tatsächlich wie Satiren von George Orwells satirischer Darstellung des fiktiven totalitären Regimes von Ozeanien, das sich in dem dystopischen Roman „1984“ der Köpfe seiner Bürger mittels einer Sprachverordnung („Neusprech“) zu bemächtigen sucht. Zu den verpönten „geschlechtstereotypischen“ Begriffen zählen „forefather“ (Vorvater), „manpower“ (Arbeitskraft), „man-made“ (handgemacht), „workmanlike“, „sportmanship“ und „mankind“ (Menschheit), für das kurioserweiser „humanity“ als Ersatz empfohlen wird, obwohl darin ebenfalls das anstößige „man“ vorkommt. „Homosexuell“, „Hausfrau“ und „Kellnerin“ werden ebenfalls moralisch geahndet. Man fragt sich, ob bald die Umbenennung von Manchester oder der Insel Man verlangt wird.

Auch Applaus gehört sich nicht

Cardiff Metropolitan University zählt mit Bristol, Edinburgh, der London School of Economics und Oxford zu den mehr als sechzig Prozent britischer Hochschulen, die nach einer jährlichen Rangliste der radikalen, marxistisch-freidenkerischen Internetzeitschrift „Spiked“ die Redefreiheit wesentlich einschränken durch Verbote von umstrittenen Rednern, Stoffen oder Ideen. Seit 2015 stuft die Redaktion 115 Institutionen nach den Ampelfarben ein. In diesem Jahr fielen 63,5 Prozent aufgrund zensierender Maßnahmen und bevormundender Regelungen von Seiten der Hochschulverwaltung oder der Studentengewerkschaft in die höchste Kategorie Rot, eine Steigerung von fast 25 Prozent innerhalb von drei Jahren. 30,5 Prozent der Hochschulen erhielten einen gelben Vermerk, der anzeigt, dass die freie Rede entmutigt worden ist. Nur sechs Prozent, darunter die private Universität von Buckingham, wurde mit der Farbe Grün eine Nichteinmischungspolitik bescheinigt.

Obwohl die Studentengewerkschaften erwartungsgemäß extremer sind in ihrer Intoleranz gegenüber Rednern, die ihnen nicht behagen; harmlosen Verkleidungen, die sie als diskriminierend empfinden; Zeitungen, deren politische Haltung ihnen gegen den Strich gehen; Applaus, den sie für angsterzeugend halten, und gegenüber anderen Mikroaggressionen, findet diese Gesinnung zunehmend auch bei den Lehrkräften Zuspruch. „Spiked“ ordnet 23,5 Prozent der Universitätsverwaltungen der Kategorie Rot zu.

Diese Befunde decken sich mit einer jüngst veröffentlichten Studie von der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums. Das Adam Smith Institute ist eine neoliberale Denkfabrik, die sich für die freie Marktwirtschaft einsetzt. Sie konstatiert eine linksliberale Überrepräsentanz im britischen Hochschulwesen und warnt, dass die in den Geistes- und Sozialwissenschaften besonders vorhandene ideologische Homogenität nicht nur die freie Rede auf dem Campus gefährde, sondern konservative Regierungen auch veranlassen könne, Forschungsgelder zu kürzen. Als Grundlage für die Feststellung eines deutlichen Linkstrends seit den sechziger Jahren dienen Auskünfte über das jüngste Wahlverhalten von Akademikern. Diese werden neben ältere Bestandsaufnahmen des Oxforder Soziologen A.H. Halsey gestellt, dessen Ermittlungen in dem Zeitraum zwischen 1964 und 1992 bereits eine deutliche Abkehr von den Konservativen verzeichneten.

Aus den Ergebnissen von zwei Umfragen der Fachzeitschrift „Times Higher Education Supplement“ über die Wahlabsichten von Angestellten im Hochschulwesen schließt das Adam Smith Institute, es habe sich eine tiefe Kluft aufgetan zwischen der vorherrschenden Meinung in den Elfenbeintürmen und der breiteren Gesellschaft. Während 89 Prozent der befragten Akademiker bekundeten, beim Brexit-Volksentscheid für den Verbleib Britanniens in der Europäischen Union stimmen zu wollen, fanden sich in der Gesamtbevölkerung bloß 48 Prozent, die sich dem Austrittsbegehren widersetzten.

In der Konformismus-Falle

Eine Umfrage vor der Parlamentswahl im Juni 2015 ergab eine ähnliche Diskrepanz. Nur elf Prozent der Akademiker bekannten sich als Wähler der Konservativen Partei, gegenüber dem Wahlergebnis von 37 Prozent. Die Labour Party erzielte landesweit einen Stimmenanteil von dreißig Prozent. Wäre es nach den Hochschulen gegangen, hätte dieser bei sechsundvierzig Prozent gelegen. In der Umfrage unter Akademikern brachte es die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party (Ukip) auf 0,4 Prozent gegenüber ihrem Wahlergebnis von dreizehn Prozent. Demnach weicht das Hochschulpersonal mit weniger als zwölf Prozent Unterstützung für rechte oder konservative Parteien deutlich ab von den politischen Sympathien der Bevölkerung, die sich mit fünfzig Prozent für Ukip und die Tories ausgesprochen haben.

Der Bericht zieht eine Reihe von teilweise hoch spekulativen psychologischen und soziologischen Deutungsversuchen für diese unrepräsentative Vorherrschaft der Linken im Hochschulwesen in Betracht, darunter den hohen Intelligenzgrad und die Offenheit für Erfahrungen. Diese gingen einigen Einschätzungen zufolge mit linksliberalen Neigungen einher, während Konservative mit ihrer Vorliebe für Gewissheit und der entsprechenden Abneigung gegen Neuheit und Ambiguität weniger geeignet seien für die Gelehrtenwelt. Neben diesem auch gleich wieder befragten Argument wird der unsichere gesellschaftliche Status von Akademikern genannt. Ihre niedrigen Einkünfte, gemessen an vergleichbaren Berufsständen wie der Ärzte und Anwälte, mochten sie empfänglicher machen für Forderungen nach der egalitären Verteilung der Güter und sie womöglich auch veranlassen, sich vom Bürgertum abzugrenzen durch das Eintreten für weniger konventionelle gesellschaftliche Normen. Des Weiteren führt der Bericht Selbstselektion, Anpassung, systemische Vorurteile, Diskriminierung von Andersdenkenden und (wenn der Begriff erlaubt ist) soziale Homophilie als mögliche Ursachen für das linksliberale Gruppendenken an.

Das Wechselspiel von Reglementierung und Konformismus, das die Denkfreiheit auf dem Campus einschränkt, sickert naturgemäß in die Öffentlichkeit durch. Wie in den Hochschulen haben die Denkpolizisten auch bei anderen Institutionen wie dem Schulsystem und der BBC bewirkt, dass sich bestimmte Vorstellungen schleichend durchsetzen und zur Norm werden. Genau dies beabsichtigte das Engsoz-Regime von Orwells Ozeanien mit der Einführung des Neusprech. „Sie hatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel für die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, die den Anhängern des Engsoz allein angemessen war, sondern darüber hinaus jede Art anderen Denkens auszuschalten.“

In „1984“ ist es die Partei des Großen Bruders, die mittels der Sprache Kontrolle gewinnen will über die Gedanken der Gesellschaft. Dahingegen wird der Trend, den die beiden aus unterschiedlicher Richtung zu ähnlichen Ergebnissen kommenden Untersuchungen beleuchten, von Kräften innerhalb der Gesellschaft gesteuert, die ihr Regelwerk zur Staatssache machen wollen.

GINA THOMAS

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