Ist der Ruf erst zementiert…

Wer auf einer reputierlichen amerikanischen Uni war, hat es anschließend auch international leichter.

Von Boris Holzer

Es gibt mittlerweile so viele Ranglisten der besten Universitäten, dass man leicht den Überblick verliert. Doch die üblichen Verdächtigen, die meisten davon aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien, besetzen stets die vorderen Plätze. Angesicht ihres geringen Überraschungspotentials fragt man sich, wer sich für diese Listen interessiert. Man darf davon ausgehen, dass Uni-Leitungen eine gute Plazierung gerne in ihre Tätigkeitsberichte aufnehmen. Den Wissenschaftlern hingegen ist klar, dass der Vergleich ganzer Universitäten eigentlich unsinnig ist. Harvards Politikwissenschaft mag zu den führenden Fakultäten der Disziplin gehören, aber für Jura und Physik mag es anders aussehen. Wissenschaftlich können daher allenfalls Vergleiche einzelner Fachbereiche und Institute informativ sein.

Als ein weiteres Publikum kämen Studierende und vor allem potentielle Studierende in Frage: Sie könnten ein Interesse daran haben, eine „renommierte“ Universität zu finden, um dadurch die Qualität ihrer Ausbildung und den Wert ihres akademischen Titels zu sichern. Die dahinter stehende Erwartung, dass die Reputation der Universität sich auf ihre Mitglieder und damit auch auf die Studierenden überträgt, überprüften Forscher der FU Berlin und der Universität Göttingen mit Hilfe eines Experiments.

In der Terminologie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu geht es Jürgen Gerhards, Silke Hans und Daniel Drewski in ihrem Aufsatz um die Frage, ob das „symbolische Kapital“ einer Universität – ihre Reputation aufgrund tatsächlicher oder angenommener Verdienste – von ihren Mitgliedern in eigene Vorteile konvertiert werden kann. Um dies zu klären, erfanden die Forscher vier Identitäten ausländischer Doktoranden an zwei amerikanischen und zwei südostasiatischen Universitäten. An jeden Soziologie-Professor in Deutschland wurde anschließend die gleichlautende Anfrage verschickt, ob er oder sie bereit sei, den Kandidaten während eines Gastaufenthalts in Deutschland akademisch zu betreuen. Das Anschreiben war in allen Fällen gleich, nur der Name und die Heimatuniversität wurden variiert. Würde es einen Unterschied machen, ob der Bewerber bisher in Yale oder Pennsylvania studiert hat – oder in Singapur oder Hanoi?

Zunächst einmal wurden die meisten Anfragen gar nicht beantwortet. Unter den Rückmeldungen erhielten die angeblichen Bewerber der amerikanischen Universitäten jedoch mehr positive Antworten, sei es in Form einer direkten Zusage oder einer Bitte um mehr Information. Außerdem fielen ihre Antworten im Durchschnitt ausführlicher und im Ton verbindlicher aus. Die wissenschaftliche Reputationshierarchie wurde aber nicht genau abgebildet. Erstens machten die antwortenden Professoren zwar einen Unterschied zwischen Yale und der Penn State University, aber keinen zwischen der National University of Singapore und der Vietnam National University in Hanoi. Die Tatsache, dass die ambitionierte Universität von Singapur in allen Rankings deutlich vor Hanoi rangiert und meist auch vor Penn State, wirkte sich nicht aus. Stattdessen erhielte „Amerika“ den Vorzug vor „Asien“. Zweitens fand die disziplinäre Einstufung keine Berücksichtigung: Betrachtet man die soziologischen Institute und nicht die Universitäten, so hat Penn State laut Rankings gegenüber Yale die Nase vorn. Die dortigen Doktoranden können daraus aber keinen Vorteil ziehen. Der Bonus der Ivy-League-Universität wiegt schwerer.

Die Forscher ziehen den Schluss, dass eine Promotion an einer reputierten Universität die Mobilitätschancen erhöht. Allerdings müsse man auch im „richtigen“ Land studieren. Diese Diskriminierung nach Ländern verstoße jedoch gegen ein wichtiges Prinzip: Die Wissenschaft hat, wie es Louis Pasteur einmal formulierte, kein Vaterland. Sie steht allen offen, und die Wahrheit wissenschaftlicher Erkenntnis hängt nicht davon ab, woher oder von wem sie stammt. Der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton erkannte in diesem „Universalismus“ eine Grundnorm des sozialen Systems der Wissenschaft.

Allerdings spielte wissenschaftliche Erkenntnis in dem Experiment gar keine Rolle: Die Anschreiben der fiktiven Doktoranden verzichteten darauf, konkrete Details zu den Forschungsvorhaben zu benennen. In Ermangelung fachlicher Kriterien konnte sich die Beurteilung der zu erwartenden Leistungen jedoch nur danach richten, was die Bewerber bisher geleistet haben.

In solchen Situationen lässt sich, darauf hatte schon Merton hingewiesen, ein „Matthäus-Effekt“ beobachten: Wer hat, dem wird gegeben. An einer amerikanischen Universität ins Doktorandenprogramm aufgenommen zu werden wäre solch ein Anfangserfolg, der weitere Vorteile nach sich zieht. Dass die meisten amerikanischen Doktoranden sich wahrscheinlich größere Erfolge vorstellen können, als von einem deutschen Professor eine Betreuungszusage zu erhalten, steht freilich auf einem anderen Blatt.

 

J. Gerhards, S. Hans, & D. Drewski (2017): Zentrum und Peripherie im globalen Wissenschaftssystem. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (online first); Merton, Robert K. (1968): The Matthew effect in science. In: Science 159, S. 56-63.

 

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