Kinderspiel Deutsch

Spaniens Wirtschaft wächst - und die Jugend strebt nicht mehr nach Deutschland

MADRID, im Dezember. Die Klassen in der Madrider Sprachschule heißen Katze, Maus und Biene. Wo vor kurzem noch Krankenschwestern und angehende Lehrlinge sich mit den Unterschieden von „der“, „die“ und „das“ abmühten, lernen Kinder am Wochenende spielerisch Deutsch. Vor wenigen Jahren konnte sich glücklich schätzen, wer in Spanien einen Platz in einem Deutschkurs fand. Doch die Zahl der erwachsenen Spanier, die Deutsch lernen, ist deutlich zurückgegangen. Seit die Wirtschaft in ihrer Heimat wieder wächst und die Arbeitslosigkeit zurückgeht, nimmt das Interesse an Deutsch ab. Dafür lassen jetzt mehr Eltern ihre Kinder Fremdsprachen lernen, damit sie sich auf dem europäischen Arbeitsmarkt später nicht so schwer tun, wenn sie eines Tages im Ausland eine Stelle suchen müssen. „Der Merkel-Effekt war wunderbar und hat uns 60 Prozent mehr Schüler gebracht“, erinnert sich Begoña Llovet, die die Madrider Tandem-Sprachenschule leitet. Anfang 2011 hatte die deutsche Bundeskanzlerin bei einem Besuch in Spanien gesagt, Deutschland brauche dringend „100 000 Ingenieure“ und andere Fachkräfte. Bei jungen Spaniern stieß Merkels Aufruf auf offene Ohren. Viele wollten nur noch weg, denn Spanien belegte bei der Jugendarbeitslosigkeit in der EU damals mit mehr als 53 Prozent einen Spitzenplatz. Es gibt keinen amtlichen Gesamtüberblick darüber, wie viele Spanier nach Deutschland aufbrachen. Aber es gibt Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Danach stieg die Zahl der in der Bundesrepublik beschäftigten Spanier zwischen 2010 und 2014 von knapp 38 000 auf mehr als 64 000. Aus keinem anderen südeuropäischen Krisenland kamen mehr.

Erst einmal mussten sie Deutsch lernen. Vor dem Madrider Goethe-Institut bildete sich eine lange Schlange. Binnen kurzer Zeit hatte sich die Zahl der Schüler fast verdoppelt. Mit 6370 waren es im Spitzenjahr 2012 so viele wie an keinem anderen deutschen Kulturinstitut auf der Welt. Die Nachfrage war so groß, dass man die Interessenten zu privaten Anbietern wie Tandem schickte. „Dieser Hype ist vorüber, aber das Interesse besteht weiter“, sagt Petra Köppel-Meyer, die die Sprachabteilung am Madrider Goethe-Institut leitet. Erschwerend kam für die Spanier hinzu, dass die Bundesregierung in diesem Jahr ein Pilotprojekt beendete, das vier Jahre lang jungen Europäern bei ihrem Start in Deutschland half. Das bekommen auch die Sprachenschulen zu spüren, denn zu „MobiproEU“ gehörte auch ein fünf Monate dauernder Intensivsprachkurs.

Das Programm stand allen Europäern offen, aber die meisten Teilnehmer waren Spanier. Die Zahlen der vergangenen Jahre spiegeln ihre Verzweiflung und die Hoffnungen wider, die sie in Deutschland setzen: Noch in diesem Jahr förderte das deutsche Programm 1539 Spanier und nur 280 Italiener sowie 167 Griechen. Doch bis heute ist das deutsche Interesse an spanischen Arbeitskräften groß. „An uns wenden sich weiterhin deutsche Firmen und Verbände, die Personal suchen, aber nun fehlen die Gelder“, sagt Tandem-Schulleiterin Begoña Llovet. Als vor gut einem Jahr Flüchtlinge zu Hunderttausenden in Deutschland ankamen, hofften Arbeitgeber darauf, unter ihnen den dringend benötigten Nachwuchs zu finden. Mittlerweile stellte sich heraus, dass einem großen Teil der Syrer, Afghanen und Afrikaner die Qualifikationen für eine schnelle Integration auf dem Arbeitsmarkt fehlte, wie sie die Spanier besitzen.

Doch auch viele von ihnen tun sich in Deutschland schwer. Vor allem in den ersten Jahren der Deutschland-Begeisterung war der Anteil der Abbrecher hoch, bis man aus den Anfangsfehlern lernte. Laut einer von der Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichten Befragung nennt zwei Drittel der Arbeitsuchenden aus Spanien fehlende Sprachkenntnisse als ihr größtes Problem. Schwierigkeiten mit der fremden Kultur machen ihnen demnach ebenfalls sehr zu schaffen. Viele sind stärker in ihrer Familie verwurzelt als gleichaltrige Deutsche. Heimweh und die fremde Umgebung machen ihnen das Einleben schwer. Junge Spanier aus Großstädten wie Madrid fanden sich in entlegenen Dörfern in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern wieder. Bis Anfang der siebziger Jahre hatten zwar Zehntausende Spanier in Deutschland Arbeit gesucht. Aber international mobil wurden sie auch nach dem Tod des Diktators Francisco Franco nicht, unter dem das Land jahrzehntelang isoliert war.

In der Deutschen Handelskammer für Spanien (AHK) verweist man auf weitere Probleme und warnt vor zu einfachen Erklärungen. So hänge ein erfolgreicher Umzug in den Norden auch stark von dem Unternehmen und der Branche ab: Es sei relativ leicht, Auszubildende für Elektrotechnik in einer angesehenen Firma zu finden; deutlich schwerer ist es bei Bauarbeitern und Hotelangestellten. Junge Spanier, die zu Hause schon eine Ausbildung absolviert hatten, sähen oft nicht ein, weshalb sie in Deutschland noch einmal drei Jahre in die Berufsschule müssen, heißt es bei der AHK.

Gleichzeitig gibt es wieder mehr Gründe, um zu Hause zu bleiben: Die spanische Wirtschaft wächst in diesem Jahr mit gut 3,1 Prozent doppelt so schnell wie die Deutschlands. Im Herbst sank die Arbeitslosigkeit zum ersten Mal seit langem unter 20 Prozent. Vor allem die Touristen, die in immer größerer Zahl nach Spanien strömen, tragen dazu bei, dass wenigstens während der Saison neue Arbeitsplätze entstehen. Ein spanischer Nachwuchskoch muss nicht mehr in die deutsche Provinz gehen, wenn es im eigenen Land Arbeit gibt. Aber zum größten Teil handelt es sich dabei um „Müllverträge“ – befristete Arbeitsverhältnisse mit Löhnen von meistens unter tausend Euro.

Die offiziellen Zahlen bedeuteten jedoch schon zuvor nicht, dass jeder zweite junge Spanier keine Arbeit hatte. Nach den jüngsten amtlichen Angaben leben in dem Land vier Millionen Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren. Davon studieren knapp 2,5 Millionen, absolvieren eine Ausbildung oder sind im Haushalt tätig. Von den restlichen gut 1,5 Millionen Jugendlichen suchen fast 650 000 eine Arbeit oder stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. So kommt die aktuelle Jugendarbeitslosenquote von 42 Prozent zustande. Bezogen auf ihre gesamte Altersgruppe liegt der Anteil der jungen Arbeitslosen jedoch nur bei rund 16 Prozent. Das ist dann nur noch knapp jeder Sechste.

Das ist immer noch viel mehr als in Deutschland, wo die Quote bei weniger als sieben Prozent liegt, aber deutlich näher am europäischen Durchschnitt. In Spanien bleibt deshalb noch eine Menge zu tun – auch sprachlich. Mit ihren Fremdsprachenkenntnissen sind die jungen Spanier schlecht für Auslandsaufenthalte gerüstet. Während mehr als 70 Prozent der jungen Schweden sich auf dem anspruchsvolleren B-Niveau in einer anderen Sprache unterhalten können, sind es unter ihren spanischen Altersgenossen weniger als 30 Prozent. An regulären spanischen Schulen lernen immer noch weniger als drei Prozent der Schüler Deutsch. In Spanien sind es insgesamt gut 80 000, in der Ukraine, die eine ähnlich große Bevölkerung hat, rund eine Million. Als Fremdsprache wird an den Schulen weiterhin meist Französisch unterrichtet. Doch auch das Nachbarland hat mit hohen Arbeitslosenzahlen zu kämpfen.

„Die Erkenntnis aus der Krise ist, dass Fremdsprachen nützlich sind“, sagt Petra Köppel-Meyer vom Goethe-Institut. Auch ohne konkret einen baldigen Umzug nach Deutschland zu planen, bereitet sich dort ein Teil der Schüler auf einen möglichen Aufenthalt vor.

Von Hans-Christian Rößler

 

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