Meisterinnen ihres Fachs

Von wegen Männersache:

Frauen erfinden mit ihrem eigenen Stil viele Handwerksberufe neu. Das zeigen einige Beispiele auf der internationalen Fachmesse.

Etwas mit Mode machen, sich gestylt in Szene setzen, darüber bloggen und best dressed berühmt werden: das wäre der ideale Werdegang. Hochinteressiert bleiben viele Schülerinnen an den etwa 200 Kojen, Ständen und Ateliers stehen, die sich auf 10 000 Quadratmetern zum Thema „Handwerk und Design“ präsentieren. Es gibt viel zu sehen für die Klassencliquen, die sich über die Internationale Handwerksmesse in München schieben.

Bei all den Mädchenträumen vom Kreativsein und Sichaufhübschen blendet manche junge Besucherin gerne aus, dass es nicht schaden kann, versiert mit Nadel, Faden, Schnitttechnik und Buchhaltung umzugehen, kurzum, das Schneiderhandwerk solide zu lernen.

So wie Rehane Heidari vom Stand der Frankfurter Schneiderwerkstatt „Stitch by Stitch“. Der Name klingt hip, hat aber einen ernsten Hintergrund: Zwei Gründerinnen haben sich zusammengetan, im Frankfurter Nordend ein Atelier eröffnet und beschäftigen junge Flüchtlingsfrauen, die behende mit Schnittmustern und Nähmaschinen umgehen können, nun Mode „made in Germany“ herstellen und quasi nebenbei Deutsch lernen. „Das ist für uns alle eine klassische Win-win-Situation“, sagt Claudia Frick.

Die Damenmaßschneiderin und studierte Modedesignerin skizziert ihr Geschäftsfeld: „Wir produzieren für Designer Kleinserien, sind eine Art Zwischenmeisterei für Menschen, die eine Idee haben. Mal fertigen wir fünf, mal 20 oder auch 100 Teile und werden von Anfragen überrollt.“ Dass sich das Ganze rechnet, dafür sorgt ihre Kollegin Nicole von Alvensleben, die mit Mikrokrediten jongliert und die Finanzen im Griff hält. Wie das geht, hat sie unter anderem beim Social-Entrepreneurship-Studium in Oxford gelernt.

Die staatliche KfW-Bank hat das Start-up als Leuchtturmprojekt ausgezeichnet, das Flüchtlingsfrauen aus Aleppo, Damaskus und Herat in Lohn, Brot und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben bringt. So wie Rehane Heidari aus Afghanistan, die ausgezeichnet schneidert, auch wenn sie das nicht schriftlich nachweisen kann. Die Partnerin von Alvensleben stört das nicht: „Im handwerklichen Beruf zählt, was du kannst, nicht, was du für ein Zeugnis hast. Möglicherweise können wir das nachzertifizieren.“

Ein Drittel der Beschäftigten im Handwerk ist weiblich. Trotz Akademisierungswahn haben 2015 mehr als 32 500 Mädchen eine Ausbildung im Handwerk begonnen. In diesem Jahr wurden rund 20 Prozent der Meisterprüfungen von Frauen abgelegt. Jede vierte Betriebsgründung wird inzwischen von Frauen vorgenommen. Darunter sind nicht nur die großen Steinmetzbetriebe, sondern auch kleine Goldschmieden zu finden. Eine Zahl, die „Stitch by Stitch“-Unternehmerin Claudia Frick noch als zu niedrig empfindet. Sie rätselt über die Motive: „Viele haben Angst vor Selbständigkeit, das ist ein großes Mysterium.“ Kollegin von Alvensleben sekundiert: „Natürlich geht man auch durch Täler. Aber das geht anderen genauso. Es hilft, sich mit anderen Frauen zum Netzwerk zusammenzuschließen und zu fragen: Wie macht ihr das?“

Das Frankfurter Frauenduo hat mit seinem Start-up viel richtig gemacht, um im Handwerk erfolgreich zu bestehen, und wäre ganz nach dem Geschmack von Monique R. Siegel, die einige Hallen weiter referiert. Die Schweizer Trendforscherin ist Gastrednerin auf der Fachtagung des Bundesverbands der Unternehmerfrauen im Handwerk und davon überzeugt, dass es gelingen kann, junge Frauen für das Handwerk zu begeistern. „Sie müssen sich ihres Wertes bewusst sein und erkennen, wie sehr es sie braucht. Dann werden sie auch erkennen, dass sich mit innovativem Denken in einem krisenfesten Umfeld ein hoher Grad von Unabhängigkeit schaffen lässt.“

In einem kurzweiligen Vortrag spricht die temperamentvolle, 78 Jahre alte Dame über den Wandel der Arbeitswelt. Vor den gestandenen Unternehmerinnen erläutert sie, was sie unter „dem Megatrend Female Shift“ versteht: Immer mehr gut ausgebildete Frauen verändern die Arbeitswelt, natürlich auch die klassische Männerdomäne Jobs im Handwerk. Die promovierte Wirtschaftsethikerin ermutigt Frauen, weil sie mit ihrem Denken, ihren Entscheidungen und Lösungen näher an Mitarbeiterinnen und Konsumentinnen seien. Eine schlicht erscheinende Erkenntnis über Kundennähe, die aber lukrative Auswirkungen hat: „Achtzig Prozent der Ausgaben für Konsumgüter in der Welt werden von Frauen bestimmt.“ Und das gehe über das launige Beispiel von der Farbwahl beim Autokauf hinaus.

Als Zukunftsforscherin spricht Siegel darüber, „den Wandel als Normalzustand zu betrachten“, künftig mehr als einen Beruf zu erlernen, und das nicht nur, weil es viele Tätigkeiten, „etwa den schönen Beruf des Schriftsetzers“, nicht mehr geben wird. Zum Unternehmer-Gen gehört ihrer Ansicht nach auch die Bereitschaft, mehr als eine Fremdsprache zu lernen und gut mit anderen zu kommunizieren. „Verhandlungstechnik zu lernen würde ich für junge Frauen obligatorisch machen. Nehmen Sie das als Spiel, gut zu verhandeln! Man meint es schon als Forderung, aber man muss es nicht hören.“ Ehrenamtliches Engagement hält Siegel zudem für cleveres Eigenmarketing: „Wenn die Öffentlichkeit Sie als sympathisch erlebt, können Sie die Werbung sparen.“

Und sie stellt drei Überlebensfragen erfolgreicher Betriebsleiterinnen: Kann ein Computer meine Arbeit schneller erledigen? Geht es im Ausland billiger? Gibt es im Zeitalter des Überflusses für das, was ich arbeite, noch Nachfrage? „Sie haben ein Problem, wenn Sie Frage eins und zwei bejahen und Frage drei verneinen müssen.“ Enthusiastisch zitiert Monique R. Siegel den Soziologen Richard Sennett, nicht nur sein Bonmot „Handwerk ist mehr als ein Job, es ist eine Haltung“, sondern auch dessen Erkenntnis: „Handwerkliches Können hält viele emotionale Belohnungen für den Erwerb von Fähigkeiten bereit: Verankerung in der greifbaren Realität und Stolz auf die eigene Arbeit.“ Den aufmerksamen Zuhörerinnen verspricht die Autorin: „Sennett schreibt sehr lesbar, er wird Ihr Selbstbewusstsein anschwellen lassen.“ Humorvoll plädiert sie für gute Zusammenarbeit mit Menschen beiderlei Geschlechts auf Augenhöhe. „Wir wollen keine zweite Monokultur haben. Das hat sich nicht bewährt.“

Diesen Ball greift dann im folgenden Vortrag Bibiana Steinhaus auf. Als Schiedsrichterin im Profifußball hat sie sich in einer männlichen Monokultur etabliert und mit Können und Disziplin durchgesetzt. Wie das gelingt, dazu hatte die sportliche Polizistin Spannendes zu berichten. Die Werte, die sie in ihrem Beruf und bei ihrer Berufung buchstabiert, seien dieselben: Neutralität, Sachverstand und Unabhängigkeit. „Ich setze Regeln um, die ich nicht mache.“

Auch Ruhe zu bewahren und den Überblick zu halten hat sie eisern trainiert. Steinhaus positioniert sich mit einem klaren Ziel, formuliert Erfolgskriterien, joggt dafür um sechs Uhr in der Früh: „Da kann man keinen Termin vorschieben. Um diese Uhrzeit hat man keine Verabredung.“ Halt nur eine mit sich selbst und seinem Körper, der sich für größere Aufgaben im Sportzirkus qualifizieren soll. Als Führungskraft trifft sie in einem Spiel rund 300 Entscheidungen. „Da spielen elf gegen elf, da sind bei jedem Pfiff elf dagegen.“ Und jeder Zuschauer redet mit. „Wenn es zutrifft, dass Frauen gemocht werden möchten, dann ist das kein guter Job. Sie werden nicht gemocht!“

Bei aller deutlich hörbaren Skepsis über die Starke-Frau-in-der-Männerwelt-Schublade, in die sie klischeehaft gesteckt wird, hat die Schiedsrichterin die Einladung der Handwerksfrauen gerne angenommen: Zukunft zu gestalten, sich perspektivisch zu sehen – das alles findet sie interessant. Ebenso schätzt sie den Sinn von Rollenvorbildern und die klare Botschaft an Mädchen: Du kannst alles werden, was du möchtest. „Ich würde mir mehr solcher Vorbilder wünschen“, sagt sie.

Davon tummeln sich einige in den Hallen. Wer wieder in das Gewusel eintauchte, sah sich mit Handwerkerinnen konfrontiert, die das längst leben, was in den Vorträgen beschworen wird: Sie arbeiten erfolgreich in klassischen Männerberufen, schrauben etwa in Auto-Werkstätten – deren Stände auf der Messe so zu echten Hinguckern werden. Dennoch ist der Anteil der weiblichen Azubis bei den Kfz-Mechatronikern, den Tischlern und Elektronikern mit rund fünf Prozent gering.

Gerade deshalb ist ein Rundgang über die Messe erhellend, um sich auch über entlegenere Berufe zu informieren und Vorbilder zu erleben. So wie beispielsweise Anja Kammerer und Simone Huber, die für ihre Leistungen als Rollladen- und Sonnenschutz-Mechatroniker ausgezeichnet worden sind.

Was können Frauen besser in diesem Handwerk? Azubi Maximilian Zeller am Infostand zögert nur kurz: „Die haben Frauenhände, tun sich mit der Feinmotorik leichter. Und sie haben ein anders Auge für Design. Da sehen die Gesellenstücke einfach anders aus.“ Allerdings bräuchten sie beim Rollladenmontieren auch durchaus männliche Kollegen. „Ohne Teamarbeit läuft es halt nicht rund“, formuliert der junge Mann einen schönen Schlusssatz.

Von Ursula Kals

 

 

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