Studenten und ihre Brexit-Strategie

Was tun, wenn man in London oder Glasgow studiert, große Pläne hat, aber der Brexit dazwischenkommt?

Betroffene berichten über ihr Studentenleben zwischen Schock und Trotz.

Von Annika Fröhlich

Unter nichtbritischen Studenten in Großbritannien herrscht große Unsicherheit über ihre Zukunft. Grund dafür ist natürlich der Brexit: Niemand weiß so recht, welche Auswirkungen er für europäische Studenten an britischen Universitäten haben könnte. Die Befürchtungen sind jedenfalls vielfältig: So könnte die Förderung durch das beliebte Erasmus-Programm, das Studenten seit Generationen Aufenthalte im Ausland ermöglicht hat, entfallen; oder der Brexit könnte bewirken, dass EU-Studenten bald den vollen Satz an Studiengebühren in Großbritannien zahlen müssen, was ein Studium dort erschweren oder gar unmöglich machen würde. Absehbar ist bisher allenfalls, dass es vor dem Jahr 2019 keine Änderungen geben wird. Reichlich Zeit für weiter wachsende Unsicherheit also. Wie aber ist die Stimmung vor Ort? Vier Studenten, die derzeit in Großbritannien leben, berichten:

Und wenn Cambridge lockt?

Katja Schröder lässt sich vom kommenden Brexit nicht aus der Ruhe bringen. „Meine Zukunftspläne hängen von vielen Faktoren ab. Der Brexit gehört erst mal nicht dazu“, sagt die 24-jährige. Sie lebt seit fünf Jahren in Großbritannien. Im ersten Jahr arbeitete sie in einer Kirche im Londoner Camden-Viertel. Die nächsten vier Jahre studierte sie Theologie an der University of Aberdeen in Schottland. Jetzt ist sie mit dem Bachelor fertig und steht vor der Frage, wie es weitergehen soll. „Ich würde gerne in Großbritannien bleiben“, sagt sie. Damit stößt sie bei Freunden aus der Heimat Berlin allerdings oft auf Unverständnis. „Sie verstehen nicht, warum ich trotz Brexits auf der Insel bleiben möchte“, erzählt Katja Schröder.

Doch sie kann gute Gründe vorbringen: Für die Berlinerin öffnen sich hier gerade viele Türen. Mit ihrer Bachelor-Arbeit hat sie zwei Preise in Schottland gewonnen, und die anglikanische Kirche möchte ihr ein Masterstudium in Cambridge finanzieren. „Ich habe mir hier ein Leben aufgebaut, ich kenne das Land. Es lohnt sich für mich, hier zu leben und zu studieren“, sagt sie. Cambridge ist zudem als eine der besten Universitäten der Welt anerkannt – ein Studium dort würde ihr auch anderswo verlockende Perspektiven für ihre weitere Zukunft bieten. In Schottland würde man die Studentin aus Deutschland ebenfalls gerne für sich gewinnen: Die Kirche von Schottland hat Katja Schröder eine Mitarbeit an einem Partnerprojekt zwischen Schottland und Ruanda im Osten Afrikas angeboten. „Langfristig plant heute ja sowieso kaum jemand, deshalb warte ich auf die Folgen des Brexits“, sagt sie. „Erst dann entscheide ich, ob ich zurück nach Deutschland ziehe.“

Tausende Pfund gespart

Johannes Neubert verschlug es im vergangenen September an eine britische Universität. Er zog nach Loughton bei London, um dort ein Master-Schauspielstudium an der „East 15 Acting School“ anzufangen. „Als die Briten im Sommer für den Brexit abstimmten, habe ich mir schon Sorgen gemacht“, sagt er. Noch am Wochenende bekam Neubert dann eine E-Mail von der Schule. Darin hieß es, dass der Ausgang des Referendums keinerlei Auswirkungen auf die Kurse haben wird. Da Masterprogramme im Vereinigten Königreich nur ein Jahr dauern, wird der Bonner im Oktober fertig sein. „Die meisten EU-Bürger aus meinem Kurs würden gerne in London bleiben, auch nach dem Studium“, sagt er. Neubert ebenfalls: „Zumindest für die nächste Zeit. Was 2019 und danach kommt, kann schließlich niemand genau absehen.“ Schauspiel sei ohnehin ein schnelllebiges Geschäft.

„Tatsächlich habe ich vom Brexit bis jetzt sogar profitiert“, berichtet er. „Durch den Wertverlust des Pfunds habe ich Tausende Euros an Studiengebühren und Miete gespart.“ Denn sein Studium finanziert Neubert unter anderem durch Ersparnisse. „Und der Kursverlust war vorteilhaft fürs Umtauschen.“ Zusätzlich bekam er ein Darlehen über 10 000 Pfund von der Organisation „Student Finance England“, um die Studiengebühren in Höhe von 12 700 Pfund bezahlen zu können. Das Darlehen können bisher ausschließlich EU-Bürger beantragen. Nach dem EU-Austrittsvotum der Briten ist die Inflationsrate in Großbritannien allerdings deutlich gestiegen – und damit auch der Zinssatz für Studienkredite. Ab September werden 6,1 Prozent Zinsen fällig. Studenten wie Neubert müssen aktuell etwa ein Drittel weniger zahlen.

Eine Riesenchance – immer noch

Sebastian Holtwerth wollte die Chance auf jeden Fall nutzen, noch mit voller europäischer Unterstützung ein Jahr in London zu studieren. Im September beginnt sein Erasmus-Auslandsjahr am University College London (UCL). „Bis April habe ich nervös die Brexit-Verhandlungen im Internet verfolgt. Mittlerweile bin ich entspannt, da frühestens ab 2019 Konsequenzen drohen“, sagt Holtwerth. Damit steht der 25-Jährige in karger Gesellschaft. Denn die Zahl deutscher Studienbewerber ist im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen, wie der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) kürzlich berichtete. Bis zum 30. Juni wollten sich nur noch 3230 Studenten aus Deutschland an britischen Universitäten einschreiben. Das sind 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Und das, obwohl europäische Studenten sich nach wie vor über Darlehen oder Stipendien finanzieren können.

Holtwerth studiert Verfahrenstechnik an der renommierten Technischen Hochschule in Aachen (RWTH) und wird diesen Studiengang in London fortsetzen. „Die UCL hat ein sehr gutes Kursangebot und international einen guten Ruf“, sagt er. „Es ist nach wie vor eine Riesenchance für deutsche Studenten, dort studieren zu können.“ Holtwerth sagte deshalb sogar einen anderen Erasmusplatz in Finnland ab. Als er sich dann auf der Website der UCL über mögliche Brexit-Konsequenzen erkundigte, stieß er auf aufmunternde Worte: Bis 2019 bleibe alles wie gehabt. Selbst danach sei noch nicht klar, was der Brexit für britische Universitäten bedeute.

Gefahr für die Forschung

Auch die Italienerin Elisabetta Tolla möchte vorerst nicht aus Großbritannien ausreisen. Erst diesen Sommer absolvierte sie ihren Master an der University of Glasgow in Biomedizin. Im Herbst wird sie eine dreijährige Doktoranden-Stelle an der Universität antreten. Die 24-Jährige schätzt den Brexit trotzdem als hochproblematisch für die britische Forschung ein. „Wir sind in der Forschung auf internationale Zusammenarbeit mit anderen Laboren angewiesen“, sagt sie. Außerdem würden die Universitäten in Großbritannien aktuell noch großzügig von der EU gefördert. „Alle fragen sich, was mit diesen Geldern in Zukunft passiert.“ Viele ihrer Kollegen würden sich große Sorgen machen.

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Trotzdem war es für sie bisher keine Option, das Land vorschnell zu verlassen. „Ich habe in den nächsten drei Jahren erst mal ein festes Einkommen und muss mir darum keine Sorgen machen“, sagt sie. Die Qualität der Labore und der Lehre sei außerdem extrem hoch, davon könne sie so oder so profitieren. „Es wäre falsch, einer so renommierten Universität vorschnell den Rücken zu kehren.“ Die Universität Glasgow gehört zur sogenannten Russell-Gruppe aus rund zwanzig forschungsstarken britischen Universitäten, dem britischen Äquivalent der amerikanischen Ivy League (Harvard, Princeton, Yale und Co.), genießt also einen exzellenten Ruf. „Wo ich langfristig arbeiten werde, hängt von den Konsequenzen des Brexits ab“, sagt Elisabetta Tolla. Stand heute kann sie sich gut vorstellen, in Großbritannien zu bleiben und dort ihre Karriere in der Forschung fortzusetzen.

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