Studieren nach dem Putsch

Die Türkei gilt nicht gerade als Traumziel für Auslandssemester.

Ein Abstecher lohnt sich trotzdem, berichten deutsche Studenten. Sie wundern sich eher über die Skeptiker.

Vor einem oder zwei Jahren noch wäre es ein Traum gewesen: ein Auslandssemester an einer der Universitäten am Bosporus. In Istanbul, der schillernden Metropole, laut, historisch orientalisch und gleichzeitig modern. Ein Schmelztiegel. Ein Sehnsuchtsort. Statt ein paar Tagen als einer von Millionen Touristen lieber ein halbes Jahr lang studieren, wo andere Urlaub machen. Ein bisschen Uni und vor allem ganz viel Leben. Kultur kennenlernen, Land und Leute, vielleicht die Sprache. Erasmus eben, ganz Klischee.
Doch die Unbeschwertheit ist der Türkei abhandengekommen zwischen Kurdenkonflikt und Terror, Anschlägen und Drohungen des IS. Und seit vergangenem Sommer dem Ausnahmezustand, nachdem der Staatsstreich missglückte. Verhaftungen von Oppositionellen, Beamten, Lehrern, Professoren und Journalisten. Zuletzt die Selbstentmachtung des Parlaments zugunsten von Staatschef Erdogan. Es sind unruhige Zeiten in der Türkei. Das lässt auch den akademischen Austausch nicht unberührt.
Die Zahl der Bewerbungen deutscher Studierender für ein Auslandssemester in der Türkei ist im vergangenen Jahr drastisch eingebrochen. Auf Nachfrage berichten Universitäten von Hamburg und Berlin über Frankfurt bis München, von Dresden über Halle und Kassel bis Münster das Gleiche: Die Zahl der Bewerbungen hat sich 2016/17 im Schnitt zu Vorjahren halbiert. Schon gestellte und zum Teil genehmigte Anträge wurden zurückgezogen. Vereinzelt traten Studenten ihr Auslandssemester an, brachen es aber vorzeitig ab. An manchen Hochschulen gibt es für das kommende Semester gar keine Interessenten mehr.
Anna und Andrea aus München hatten sich schon vor dem verhängten Ausnahmezustand um ein Auslandssemester in der Türkei im Herbst 2016 beworben. Beide bekamen die Zusage. Diese auszuschlagen stand für sie bei allen Störgeräuschen nie zur Debatte, sagen sie. „Wir haben so viel geplant“, sagt Anna, „und uns trotz allem darauf gefreut.“ Freunde und Verwandte hätten sich die größten Sorgen gemacht, bestätigt Andrea. Angst sei für die beiden selbst aber nie ein Thema gewesen. „Wir können immer noch jederzeit zurück, wenn wir wollen.“
Die beiden studieren in Istanbul an der Bilgi-Universität. Die Hochschule ist keine staatliche, sie gilt als liberal, trägt sich über eine Stiftung und hohe Studiengebühren. Das Publikum ist entsprechend aus gutem Hause oder mit Stipendien ausgestattet. Es sei eine gute Universität, sagen Anna und Andrea. Die Seminare werden fast alle auf Englisch gehalten. Punkte und Veranstaltungen lassen sich problemlos für den Abschluss anrechnen. Mit den türkischen Mitstudenten kamen sie schnell ins Gespräch, berichten sie.
Doch die Veränderung lässt sich auch auf dem Campus nicht leugnen. Die Bilgi-Universität sei voller geworden.Weniger international zwar – neben Deutschland scheinen, so die Wahrnehmung der beiden, auch andere Länder weniger Erasmus-Studenten zu schicken. Dafür hat die Uni im Sommer jede Menge Studenten anderer Hochschulen aufgenommen. Studenten von geschlossenen Hochschulen – geschlossen von der Regierung, weil ihnen Nähe zur Gülen-Bewegung nachgesagt wird.

Auch im Vorlesungsverzeichnis hat der Sommer Spuren hinterlassen. Veranstaltungen, auf die sich Anna und Andrea beworben hatten, waren plötzlich aus dem Verzeichnis verschwunden. Die Dozenten fehlten schlichtweg. Auch das ist eine Folge des Putschversuchs: Tausende Universitätsangestellte wurden im Land fristlos entlassen. Der Zusammenhang ist zwar nur vermutet. Abwegig ist er jedoch nicht.
Anna und Andrea sind beide politisch interessiert. Anna studiert Politik und VWL. Andrea ist schon im Master Kultur- und Religionswissenschaft. In ihrem Bachelor-Studium hat sie sich mit dem politischen Islam, den Mohammed-Karikaturen und der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ beschäftigt. Wie die Türkei sich entwickelt, beobachten beide mit Sorge. Doch der Alltag hat sie im Semester auch schnell eingeholt. „Im Alltag vergisst man viel“, gesteht Anna. „Aber man will nicht akzeptieren, dass es zum Alltag gehört: der Terror, die Verhaftungen, die Unterdrückung der Opposition.“ Doch sie hätten in Istanbul auch eine große Herzlichkeit der Menschen kennengelernt. Überhaupt sei die Wahrnehmung aus dem Land heraus eine andere. „Erdogan nimmt in den deutschen Medien einen Riesenraum ein. Aber hier wohnen auch Menschen, nicht nur Politiker“, sagt Andrea.
Es gibt auch das normale Studentenleben. Alltag, der in Istanbul ganz anders ist als in München. „Man geht viel öfter mit Freunden essen, weil es so günstig ist“, sagt Andrea. Der gute Umtauschkurs von Euro zu Lira macht es möglich. Nur das Bier bleibt teuer – wie jedweder Alkohol in der Türkei. Auch ein bisschen Chaos gehört in der Stadt immer dazu. Gelassenheit gewöhnt man sich aber schnell an. Andrea weiß inzwischen manche Probleme zu relativieren. „Ich habe mich daheim über viel Kleinkram beschwert. Vor ein paar Tagen ist bei uns in der WG das Wasser komplett ausgefallen.“
Auch Cihat, der in Wirklichkeit anders heißt, aber seinen Namen nicht nennen will, kennt das bereits. Als in Deutschland geborener Sohn türkischer Eltern kannte er vieles von der Kultur und ihren Eigenheiten bereits, bevor er zum Studieren nach Istanbul kam. Er wollte sich selbst ein Bild vom Land machen, sagt er, die Muttersprache ein bisschen voranbringen. Cihat hat, wie Anna und Andrea, in Süddeutschland studiert. In Istanbul war er von August bis Dezember an der Bogaziçi-Universität eingeschrieben. Die Bogaziçi ist eine staatliche Universität – jedoch für ihre liberale Ausrichtung bekannt. Und für ihre äußerst politische Studierendenschaft. Cihat erzählt von den Klubs aller Richtungen: „Es gibt Marxisten, Kemalisten, einen Islamklub – alles nebeneinander.“ Als Erdogan im Sommer einen neuen Rektor eingesetzt habe, sei sofort von allen Seiten protestiert worden, sagt er. Kaum ein Tag, an dem keine politischen Flugblätter fliegen. Die Veranstaltungen selbst seien dafür eher verschult: Einer trägt vorn vor, die anderen folgen den Folien.
Unsicher habe er sich wegen der angespannten Lage im Land keinen Tag gefühlt. Auch wenn sich die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen im Stadtbild bemerkbar machten. „Bevor ich meinen Professor sehe, habe ich ein halbes Dutzend Sicherheitskräfte gesehen“, schildert Cihat. Vor allem an der Metro und an den Eingängen zur Uni sei die Präsenz verstärkt. Sorgen vor einem Anschlag habe er sich aber zu keiner Zeit gemacht, sagt er. „Ich hatte eher ein Erdbeben im Kopf.“
In den vergangenen Wochen hat er – den Rucksack geschultert – viel von Istanbul angesehen. Auch die entlegeneren Ecken. Überall gab es kleine Cafés zu entdecken, er trank mal hier einen Tee und spielte dort Tavla, ein in der Türkei beliebtes Brettspiel. „Es gab nicht einen Tag, an dem mir langweilig war“, sagt er. Die Verständigung war bei der Orientierung nie ein Problem – und sie wäre es auch nicht gewesen, wenn er nicht Türkisch gesprochen hätte, glaubt er. „Es gibt im Türkischen ein Sprichwort: Fragend kommt man nach Bagdad.“ Im Zweifelsfall mit Händen und Füßen. Das eine Semester war zum Erkunden längst nicht genug.
In der Stadt lassen sich allerdings deutlich weniger Touristen sehen. Das ist zumindest die Beobachtung von Maja, die ebenfalls anders heißt und in Istanbul ihre Master-Arbeit schreibt. Sie ist jetzt fast schon ein Jahr in der Stadt. An ihr Semester an der Bilgi-Universität hängte sie ein zweites – trotz des Ausnahmezustands, der in der Zwischenzeit verhängt wurde. Das Stadtbild habe sich seitdem verändert, sagt sie: Überall hingen Türkei-Flaggen, auch nationalistische Poster, an U-Bahn-Stationen oder am Taksim-Platz. Es werde über Politik geredet, sagt Maja, vor allem im Freundeskreis in kleinen Cafés. „Was das angeht, bin ich im Freundeskreis die Paranoideste.“ Sie lacht. Unter jungen Leuten rede man offen über Politik und die AKP, sagt sie. Es sei bei weitem nicht jeder mit Erdogan einverstanden, auch wenn man den Eindruck mitunter in den Medien gewinne. Doch das, „was hier gerade passiert, ist auch nicht die Türkei. Die Türkei ist nicht nur Erdogan und AKP.“
Maja hat in den vergangenen Wochen auch eine andere Türkei im Kleinen kennengelernt. Menschen, die sich im Ausnahmezustand miteinander solidarisieren. Erst vor ein paar Tagen habe sie ein kleines Filmfest zu Menschenrechten in einer Bibliothek besucht, erzählt sie. Es gebe auch Nachbarschaftshilfe: „Viele Leute wollen weniger am Großen schrauben, eher im Kleinen wirken.“ Sie schafften Räume für Gespräche, zum Teetrinken und gemeinsamem Kochen. Das Essen wird zum Teil an Bedürftige verteilt.
Das ist auch die wichtigste Erkenntnis, sagen die Studierenden: dass alles komplizierter ist, als es scheint. Ihr Erasmus-Semester haben sie alle als Bereicherung empfunden, für zu Hause Gedanken und Eindrücke mitgenommen. Zum Beispiel, dass „politische Stabilität keine Selbstverständlichkeit ist“, wie Anna formuliert. Sie sind gespannt, wie sich die Situation weiter entwickelt – in der Türkei, aber auch in Deutschland. Um voneinander lernen zu können, sei der Austausch wichtiger denn je, sagt Maja.

 

Von Anne Armbrecht

Türkisch-Deutsche Universität – ein Sonderfall

Istanbul ist ein lebendiger Hochschulstandort mit einer Reihe renommierter Universitäten – aber die Türkisch-Deutsche Universität (TDU) führt eher ein Schattendasein, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft. Sie wurde im Jahr 2014 auf Grundlage eines Regierungsabkommens zwischen der Türkei und der Bundesrepublik als Forschungsuniversität gegründet und startete im Wintersemester 2013/2014 mit drei Bachelor- und zwei Master-Studiengängen. Mittlerweile sind neun Studiengänge etabliert. Derzeit sind an der TDU insgesamt 912 Studierende eingeschrieben, 37 von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Mittelfristig soll die Universität allerdings 5000 bis 6000 Studierende in den Fakultäten Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften sowie Kultur- und Sozialwissenschaften haben. Lehrsprachen sind Deutsch, Englisch und Türkisch.

Von deutscher Seite sind für die Hochschule der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und ein Hochschulkonsortium aus 35 Mitgliedshochschulen verantwortlich. Die frühere Präsidentin des Deutschen Bundestags Rita Süssmuth steht als Präsidentin an der Spitze dieses Konsortiums. Für die Entwicklung der einzelnen Fakultäten steht jeweils eine Partnerhochschule zur Seite. Aktuell sind dies die Freie und die Technische Universität Berlin, die Universität Potsdam, die Universitäten Köln, Münster, Heidelberg und Bielefeld. Derzeit sind 30 deutsche Mitarbeiter an der TDU beschäftigt. Der deutsche Kooperationsbeitrag wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert. Im Jahr 2016 standen Mittel in Höhe von 4,75 Millionen Euro zur Verfügung. Allerdings ist die politische Entwicklung in der Türkei an der TDU nicht spurlos vorübergegangen. Nach dem Putschversuch wurden auch hier sechs akademische Mitarbeiter entlassen. Mindestens einer der Professoren gehörte nach Auskunft des DAAD im Januar 2016 zu den Unterzeichnern der Petition „Akademiker für den Frieden“, die sich für eine Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zwischen Kurden und Türken aussprach. Die entlassenen türkischen Mitarbeiter kommen aus nahezu allen Fachbereichen. Deutsche waren nicht von den Entlassungen betroffen.

enna.
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