GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG

Die meisten Menschen überschätzen sich. Das hat auch sein Gutes.

Von Hanno Beck

Es ist ein Panoptikum der Eitelkeiten. „Gottes Werk“ verrichte er, tönte der ehemalige Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein. „Magisches Denken“ attestierten angelsächsische Medien dem damaligen Chef des Online-Dienstleisters AOL, Steve Case – der, wenig magisch, beim Zusammenschluss von AOL und Time Warner eine dreistellige Milliardensumme versenkte. Er sollte der Finanzvorstand des Jahres sein, trompetete Enron-Finanzvorstand Andrew Fastow noch kurz vor dem Zusammenbruch des Unternehmens. Allen Beispielen ist eines gemeinsam: Überheblichkeit und Selbstverliebtheit.

Die Welt der Wirtschaft scheint voll von narzisstischen Protagonisten zu sein, deren Charakterzüge geradewegs ins Verderben führen. Stets im Gepäck ist eine Eigenschaft, die Psychologen „Überoptimismus“ nennen. Der Volksmund spricht von Überheblichkeit. Forscher weisen dieses Phänomen nicht nur für Banker, Vorstände, Börsenhändler oder Politiker nach, sondern auch für den Durchschnittsmenschen: Wir alle glauben, dass wir besser sind, als wir es sind.

Fragt man Autofahrer nach ihren Fähigkeiten, so halten sich 70 bis 80 Prozent von ihnen für überdurchschnittlich gut – eine Aussage, die statistisch nicht aufgeht: Es können nicht fast alle besser sein als der Durchschnitt. Kurzum: Die Forschung zeigt, dass Menschen rasch bereit sind zu glauben, dass sie mehr können als die meisten anderen. Wenn wir in den Spiegel schauen, sehen wir eine verbesserte Version unseres echten Selbst.

Ökonomen der Universitäten North Carolina und Maryland haben einen außergewöhnlichen Weg gewählt, um die ökonomischen Folgen solcher Charakterschwächen zu demonstrieren. Sie haben untersucht, welche Manager bevorzugt zur Bilanzfälschung neigen. Dazu wählten sie eine in der Psychologie übliche Methode, indem sie die Unterschriften von Finanzvorständen untersuchten. Die Unterschrift gilt Psychologen als ein mächtiges Symbol des eigenen Selbst. Bestimmte Eigenarten der Unterschrift, etwa ihre Größe, deuten nach Ansicht der Forscher auf den Grad von Narzissmus beim Unterzeichnenden hin. Vereinfacht gesagt, ist die Unterschrift in den Augen der Psychologen ein Abbild der Seele. Und dieses Abbild kann man messen. Mit Hilfe von Software analysiert man die Unterschrift einer Person und bestimmt darüber das Ausmaß ihrer Selbstverliebtheit.

Das Ergebnis zeigt, wohin diese Eigenschaft führt: Vorstände, deren Unterschriften auf Narzissmus hindeuten, neigen eher dazu, in den Finanzberichten ihrer Firmen falsche Angaben zu machen. Vielleicht sollten Anleger sich künftig nicht mehr den Lebenslauf der Leute anschauen, denen sie ihr Geld anvertrauen. Sondern lieber die Unterschriften.

Ökonomen mit ihrer Idee des rationalen Menschen können mit solchen Charakterschwächen wenig anfangen – vor allem, wenn sie geradewegs in solche Katastrophen wie die Pleite einer Bank, gefälschte Unternehmensbilanzen oder den Untergang ganzer Unternehmensimperien münden. Ist solches Verhalten also der Beleg dafür, dass Menschen irrational sind? In den Augen der Ökonomen wäre ein narzisstisches und überhebliches Verhalten nur dann rational, wenn man zeigen könnte, dass es persönliche Vorteile bringt.

Bei den bilanzfälschenden Vorständen ist dieser Vorteil leicht auszumachen: Wer Bilanzen fälscht und dabei nicht erwischt wird, hat ein höheres Einkommen und mehr Prestige. Doch um dieses Verhalten rational zu machen, braucht es keinen Narzissmus und auch keine Überheblichkeit. Warum sollte die Natur dem Menschen Selbstverliebtheit und Überoptimismus in die Wiege legen? Warum glaubt der Vorstand, dass er genial ist, statt einfach nur die Bilanz zu fälschen? Was sind die Vorteile einer solchen Psyche?

Der Ökonom Yi Zhou von der Florida State University zeigt, dass es solche Vorteile geben könnte. Er hat eine Branche untersucht, in der es ebenfalls schillernde, selbstbewusste Charaktere gibt: die Kunst. Zhou zitiert dazu Pablo Picasso, der ähnlich wie Goldman-Sachs-Mann Blankfein von sich sagte, dass er Gott sei. Er hatte ein durch und durch gesundes Ego, aber wozu sollte das nützlich sein? Zhou sieht handfeste Vorteile überheblichen Verhaltens. Er denkt, dass Künstler erfolgreicher sind, wenn sie sich selbstverliebt überschätzen.

Zum Beweis seiner These verwendet er – wie die Forscher der Universitäten North Carolina und Maryland – die Unterschrift der Künstler. Zhou hat die Signaturen von Künstlern mittels Software vermessen, den Narzissmus des jeweiligen Künstlers auf diese Weise bestimmt – und mit dem Erfolg verglichen, also dem Marktpreis der Bilder oder der Anzahl der Ausstellungen. Das Ergebnis: Narzisstische Künstler erzielen für ihre Bilder höhere Preise und haben mehr Ausstellungen. Sie sind also erfolgreicher. Wer mehr von sich hält, von dem halten auch andere mehr. Und in der Kunstbranche verwandelt sich diese Wahrnehmung der Umwelt unmittelbar in klingende Münze und Erfolg.

Die Herangehensweise über die Unterschrift muss man nicht teilen, sie ist für manche Augen vielleicht zu esoterisch angehaucht. Aber die Forschungen vermitteln eine Idee, welche Funktion Narzissmus und Überoptimismus haben könnten: Als soziales Signal, das andere Mitmenschen von den eigenen Qualitäten überzeugen soll. Wer sich groß macht, wird als groß wahrgenommen, was ihm berufliche Vorteile verschafft. Diese Idee verleiht dem scheinbar irrationalen Überoptimismus einen evolutionären Sinn.

Aber warum reicht es nicht aus, einfach zu behaupten, besser zu sein, als man ist? Warum muss man selbst daran glauben? Vermutlich weil man überzeugender ist, wenn man seine eigene Lüge glaubt. Also halten wir uns für besser, als wir sind, um andere leichter davon zu überzeugen. Wir lügen uns an, damit wir andere besser anlügen können.

Vielleicht hat ein solcher Überoptimismus auch eine Funktion in der Evolution. So zeigen die Ökonomen David A. Hirshleifer, Angie Low und Siew Hong Teoh, dass übermütige Vorstände in Technologiefirmen erfolgreichere Innovatoren sind. Nach dieser Lesart könnten Narzissmus und Überoptimismus einzelne Menschen dazu animieren, scheinbar verrückte, waghalsige Dinge zu tun: in einer Nussschale über einen unbekannten Ozean zu fahren, ein Medikament im Selbstversuch zu probieren – Dinge also, die man mit einer realistischen Selbsteinschätzung kaum tun würde.

Es sind genau diese verrückten Ideen, die bisweilen die Menschheit als Ganzes weiter bringen und zur Entdeckung neuer Kontinente oder neuer Heilmethoden führen. Einzelne übermütige Protagonisten beeinflussen nach dieser Lesart den Gang der Geschichte zum Wohle aller – gerade weil sie sich selbst über ihr eigenes Ego und ihre eigenen Fähigkeiten täuschen.

Und die allzu übermütigen Fehlversuche? Die werden von der Evolution aussortiert. Allzu viel Überoptimismus tut dann wohl doch nicht gut. Wie immer macht es hier die Dosis.

Yi Zhou (2016), Narcissism and the art market performance, The European Journal of Finance, DOI: 10.1080/1351847X.2016.1151804 Charles Ham; Mark Lang; Nicholas Seybert; Sean Wang (2015), CFO Narcissism and Financial Reporting Quality, Working Paper, December 2, 2015.

David A. Hirshleifer, Angie Low, und Siew Hong Teoh (2012), Are Overconfident CEOs Better Innovators?, The Journal of Finance, Vol. LXVII, No. 4, August 2012, pp. 1457 – 1498.

 

 

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