Arbeitsbedingungen: Was für ein Stress!

Früher haben wir viel mehr gearbeitet als heute, trotzdem fühlen wir uns ausgelaugt. Warum?

Von Corinna Budras und Pascal Fischer

Die Hektik des Lebens hat viel mit der Arbeit zu tun. Den Großteil unserer Zeit verbringen wir dort, auf dem Weg dorthin oder wieder zurück. Und oft finden wir, dass es zu viel Zeit ist, auch wenn das objektiv vielleicht gar nicht stimmt. Wenn Menschen gefragt werden, wie es ihnen geht, läuft es häufig auf die Antwort hinaus: „Viel zu tun.“

Weil wir wissen möchten, warum das so ist, knöpfen wir uns Amazon vor. Nicht, weil die Arbeitsbedingungen dort besonders miserabel sind und sich die Menschen ständig überfordert und ausgebeutet vorkommen. Sondern weil es dort zugeht wie in vielen anderen Betrieben auch: kostenoptimiert und effizient. Nur hat Amazon das System zur Perfektion getrieben, deshalb ist der amerikanische Konzern so interessant.

Wir fahren also zum „Amazon-Fullfillmentcenter“ nach Koblenz, dort werden alle Träume wahr, jedenfalls die der Kunden. Hier stoßen wir auf Norbert Faltin. Er ist Mitte fünfzig, hat kurze, braune Haare mit einer erstaunlich haltbaren Föhnwelle über der Stirn, fröhliche Augen und eine unkomplizierte, fast schon überschwängliche Art. Seine Statur ist kompakt, weil er Spätburgunder und Käseplatten liebt. Einer von 1900 Mitarbeitern ist er hier am Standort und so weit geschult, dass er universell einsetzbar ist, wahlweise als „Picker“ oder als „Packer“ – das sind die wichtigsten Funktionen in der gigantischen Lagerhalle.

Bei dieser Arbeit ist der treueste Begleiter ein kleiner schwarzer Handscanner, den Norbert nur liebevoll „Georgy“ nennt. Mit diesem Gerät scannt er die Strichcodes an den großen Paketen, die unablässig in der gigantischen Lagerhalle eintreffen. Er scannt die Strichcodes an den Waren, die in den Paketen liegen. Er scannt die Regale, in die er die Waren legt. Und nicht zuletzt scannt er sich selbst, über die Firmenkarte, die ihm um den Hals baumelt. Damit Amazon immer weiß, wann Norbert welches Paket in den Händen hält und wo er es hinlegt.

„Georgy“ ist kein zufällig ausgewählter Kosename für ein ansonsten belangloses Gerät. Norbert hat ihn, wie er lachend berichtet, nach George Orwell benannt, dem Verfasser des düsteren Zukunftsromans „1984“, der berühmtesten Dystopie zur Komplettüberwachung. Das ist nur auf den ersten Blick ein Witz. Mit Georgy kommt Amazon dieser Komplettüberwachung ziemlich nahe.

Dank Georgy weiß Amazon nicht nur, welche Pakete durch Norberts Hände gehen, sondern auch, wann er mal länger nichts tut. Dann wird Georgy unruhig und fängt an zu piepen, um die Chefs zu alarmieren. Die müssen wissen, wenn es hakt, vor allem technisch. Beschleunigung ist hier oberste Arbeitnehmerpflicht: „Work hard – have fun – make history“ ist die Unternehmensphilosophie. Das trifft nicht den Zeitgeist von Mitarbeitern wie Norbert. Er springt nicht mehr ganz so agil zwischen den Regalreihen umher wie seine zwanzig Jahre jüngeren Kollegen, die sich manchmal wahre Rennen liefern. Die sich einen Spaß daraus machen, sich gegenseitig zu übertrumpfen und neue Rekorde aufzustellen.

Da kriecht der Stress schon beim Zuhören den Rücken hinauf und setzt sich im Nacken fest, wo der Verspannungskopfschmerz seinen Ursprung hat. Denn ein bisschen Amazon ist inzwischen überall. „Beschleunigung“ ist zwar nicht das Wort, das die Arbeitgeber in den Mund nehmen, die kommt nur beim Mitarbeiter an. Chefs reden von „Effizienz“, „Synergien“ und „Produktivität“. Amazon ist nicht allein, viele Logistikunternehmen machen es genauso. Es gibt kaum mehr einen Lastwagenfahrer, dessen Unternehmen nicht genau wüsste, wo er mit seinem Lkw gerade ist. Und jeder Maschinenbauer weiß, wo sich ein bestimmtes Fertigungsteil im Herstellungsprozess befindet. So kann er auch die Leistung der Mitarbeiter genau kontrollieren.

Auch Büromenschen sind vor Überwachung zur Effizienzsteigerung nicht gefeit: Wer sich in das Firmennetzwerk einloggt, hinterlässt Spuren darüber, wann er sich zwischendrin mal bei Facebook abgelenkt oder auf Ebay Einkäufe erledigt hat. Diensthandys liefern detaillierte Verbindungsdaten, und E-Mail-Programme verzeichnen minutiös, wann eine Nachricht eingetroffen, gelesen und schließlich beantwortet wird.

Um mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Die Belastung liegt nicht etwa in abartigen Arbeitszeiten, die kaum mehr Spiel für Erholung oder gar Freizeit lassen. Wir arbeiten heute nicht mehr, sondern weniger als früher. 1890 arbeiteten die Menschen in den Vereinigten Staaten 100 Stunden in der Woche, erst langsam wurde die Arbeitszeit reduziert, damit die Menschen mehr Zeit zum Einkaufen hatten. Das kurbelt die Wirtschaft an. Auch in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders, in den fünfziger Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde lange gearbeitet, der Samstag war bis in die sechziger Jahre hinein ein normaler Arbeitstag. Das änderte sich erst, als die Gewerkschaften mit dem Slogan „Samstags gehört Vati mir“ in den Arbeitskampf zogen. Die Wochenarbeitszeit betrug 1960 durchschnittlich 44,6 Stunden. 40 Jahre später sind es sechs Stunden weniger geworden. Und die Überstunden? Noch in den siebziger Jahren hatte jeder Beschäftigte 157 Stunden Mehrarbeit im Jahr angehäuft. Heute sind es durchschnittlich 47, wobei die Menge von Berufsgruppe zu Berufsgruppe variiert.

Wenn es nicht die schiere Zahl an Arbeitsstunden ist, die uns geradewegs in die Zeitnot treibt, dann ist es wohl eher die Art und Weise, wie wir sie verbringen. Allerdings ist selbst bei Amazon der Stress nicht offenkundig. Kein Mitarbeiter rennt hier keuchend durch die Gänge, kurz vor der Erschöpfung, auch Norbert nicht. Der Druck ist subtiler: Bleibt Georgy minutenlang untätig, löst er einen Alarm aus. Dann kommt der Manager und erkundigt sich freundlich. Jedenfalls sorgt das System automatisch dafür, dass die Klopause nicht zu lange ausfällt.

Dabei geht es Georgy gar nicht vornehmlich darum, Norbert und seine Kollegen pausenlos zu tyrannisieren. Georgy will etwas anderes. Amazon ist ein gigantischer Umschlagplatz für Waren aller Art: Bücher, elektronische Zahnbürsten, Tabletcomputer, auch Dosensuppen kommen durch das große Tor der Lagerhalle hinein. Diese Pakete müssen ausgepackt, eingescannt und in den Regalen verstaut werden. Die totale Kontrolle spart Geld, Zeit und Stauraum. Denn wegen Georgy muss es nun keine festen Plätze mehr für den Stapel CDs geben, es herrscht das perfekt kontrollierte Chaos, das auch Norberts Leben einfacher macht. Den frisch gelieferten Fernseher muss er nicht mehr in die Abteilung „Elektronische Geräte“ an dem einen Ende der Halle bringen. Diese Abteilung gibt es gar nicht mehr. Er kann ihn jetzt geradewegs zwischen Hundefutter und Computertaschen stellen, überall dorthin, wo Norbert gerade ein Plätzchen findet. Solange nur Georgy dem Lagercomputer sagen kann, wo der Fernseher gerade steckt. Das Versandhandelszentrum in Koblenz ist so groß wie 17 Fußballfelder, und trotzdem weiß Amazon zu jeder Zeit, wo sich der Fernseher gerade befindet.

Es gibt Menschen, die brauchen genau das: klare Ansagen und die Möglichkeit zum Vergleich. Das treibt sie zu Höchstleistungen an. Andere treibt das buchstäblich in den Nervenzusammenbruch, weil sie sich schwach und langsam fühlen und dabei nicht auf Schritt und Tritt beobachtet werden wollen. Viele hadern damit, dass sie nicht selbst darüber bestimmen können, wie und wann sie ihre Arbeit tun können. Weil sie sich einem fremden Takt unterwerfen müssen und keinen Ausweg daraus finden. Der Mangel an Kontrolle löst eine Stressreaktion aus, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein in seinem Buch „Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist“.

In vielen anderen Unternehmen geht es übrigens anders, aber nicht weniger stressig zu. Ein großer Umsturz ist die „Vertrauensarbeitszeit“, die überall um sich greift. Es wird kaum mehr festgelegt, wer wann und wo arbeitet. Wichtig ist dann nur, dass die Arbeit überhaupt erledigt wird. Viele Unternehmen verfahren inzwischen so, insbesondere in Bereichen, in denen es sehr kreativ oder technisch zugeht. Dort hat die Stechuhr ausgedient, die Arbeitszeit wird gar nicht mehr erfasst. Das Problem ist dort ein anderes: In diesem Modell ist Leerlauf aus Sicht des Chefs tödlich. Wenn die Arbeitnehmer früher ihre Däumchen drehten, wusste der Chef wenigstens, wo: im Büro. Das ist die Sicherheit, die der Chef brauchte. Jetzt sind die einzige Kontrollinstanz die Erfolgsziele, die der Vorgesetzte festlegt. Am Ende des Jahres wird abgerechnet.

Womit wir beim nächsten Paradox der Arbeitswelt wären: Ein Tag voller Arbeit ist noch lange kein Stress. Deshalb ist die Stressforschung so ein beliebtes Betätigungsfeld von Wissenschaftlern unterschiedlichster Couleur. Warum viel Arbeit auch gut sein kann? Weil wir lieber herumlaufen, als ständig ganze Tage lang im Bett zu liegen. Die Menschheit hat sich unaufhörlich weiterentwickelt, Fortschritt liegt uns im Blut. Deshalb lieben wir Produktivität. Das erleben die meisten Rentner, wenn sie endlich die lang ersehnte Zeit der Ruhephase erreicht haben und plötzlich vollbeladen von all der freien Zeit in ein Loch fallen.

Im 20. Jahrhundert haben gut ausgebildete Mitarbeiter in gehobenen Positionen ihr Arbeitspensum stets ausgeweitet. Nur wer seine Aufgaben ordentlich erfüllt, kann sich selbst und der Welt zeigen, dass er es draufhat. Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle, in mehrfacher Hinsicht. Der überfüllte Terminkalender ist ein Hinweis auf Wichtigkeit. Ein anderer ist die Produktivität, und die misst sich in der modernen Leistungsgesellschaft bekanntlich in Erfolgen pro Zeiteinheit. Je mehr wir schaffen in immer kürzerer Zeit, desto produktiver sind wir. Ein gutes Gefühl, das sich allerdings manipulieren lässt: Je beschäftigter wir sind, desto mehr glauben wir, dass wir auch tatsächlich produktiv sind.

Deshalb kann viel Arbeit auch Genugtuung bringen. An einem Tag, an dem wir früh aufstehen müssen und ein Termin den anderen jagt, an dem wir vollgedröhnt werden von neuen Erkenntnissen, kann sich am Abend ein Zustand vollkommener Zufriedenheit einstellen. Vorausgesetzt, es hat alles geklappt. Beschäftigt zu sein steigert die Motivation. Wer beschäftigt ist, hat das Gefühl, effektiv zu arbeiten, selbst wenn er eine wichtige Frist verpasst.

Und doch gibt es Probleme: Nicht umsonst zeigen Studien, dass selbst Menschen, die ihren Job als zutiefst gewinnbringend empfinden, ihn als die am wenigsten vergnügliche Aktivität begreifen. Warum das so ist? Weil sich nicht nur ein Zustand der Zufriedenheit einstellt, sondern auch das Gefühl des Versagens, sobald ein Ziel nicht erreicht wurde. Stress entsteht dann, wenn wir die Kontrolle verlieren. Das kann schon früh am Morgen anfangen, wenn wir zu spät aus dem Haus kommen und unseren Zug verpassen. Die ganze schöne Planung für die Dienstreise ist dann Makulatur.

Der Kontrollverlust überwältigt Arbeitnehmer auch dann, wenn sie eine Frist versäumen. Das ist das Versagen in seiner Reinform – übrigens selbst dann, wenn man sich die Frist zur Disziplinierung selbst gesetzt hat. Es dauert überraschend lange, um sich von dieser Enttäuschung zu erholen. Deshalb arbeiten Mitarbeiter danach häufig langsamer, sogar langsamer als Mitarbeiter, die nicht mit einer Deadline zur Eile angetrieben wurden. Dann hätte man sie sich allerdings auch gleich sparen können.

Doch es gibt einen Weg aus diesem Loch. In diesen Situationen hilft das Gefühl, beschäftigt zu sein und seine Zeit effektiv zu nutzen, über die Enttäuschung hinweg. Gut beschäftigt zu sein vermittelt das Gefühl, dass man die Probleme im Griff hat, wie eine Studie von Forschern der Columbia-Universität in New York zeigt. Wer das versteht, hat es leichter im Arbeitsleben. Erfolgreiche Menschen sind womöglich schlicht besser darin, ihr eigenes Versagen zu managen und schließlich zu ignorieren.

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch der Autoren. „Wer hat an der Uhr gedreht? Warum uns die Zeit abhandenkommt und wie wir sie zurückgewinnen“ erscheint am 16. Februar bei C.H.Beck. (199 S.; 14,95 Euro)

 

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