Firmen vom Fließband

Wer heute ein Unternehmen gründet, klaut sich die Idee im Silicon Valley und sucht sich einen Geldgeber.

… Am besten in Berlin. 

von Bettina Weiguny

Noch jede Zeit hat ihre Unternehmer. Und jeder Unternehmer seine Zeit. Die Helden der Wirtschaft sind zu keiner Zeit denkbar ohne das, was um sie herum passiert. Carl Benz, Robert Bosch und Gottlieb Daimler waren genauso Kinder ihrer Epoche wie Thyssen, Krupp, Miele oder später die Albrecht-Brüder und Josef Neckermann.

Es sind die Brüche, industrielle wie politische Revolutionen, welche die Regeln ändern – und Pionieren zum Durchbruch verhelfen. Einen solchen Wandel erzwingt aktuell die Digitalisierung. Das Internet wirbelt die Wirtschaft durcheinander – und bringt eine neue Gattung von Gründern hervor. Sie gehen einen anderen Weg als ihre Vorgänger in der Old Economy, all die Maschinenbauer, Ingenieure oder Ladenbesitzer.

Denn was tat früher einer, wollte er Unternehmer werden? Er vergrub sich mit einer Idee, einem Traum, in Werkstatt oder Labor und überraschte die Umwelt nach Jahren des Experimentierens mit einem Motor, einem Föhn oder einer Schwebebahn. Mit der Weiterentwicklung seiner Erfindung (oder dem Ausbau eines Stahlwerks, Reisekonzerns oder Discounters) beschäftigte der Unternehmer sich fortan Zeit seines Lebens.

Und heute? Da studiert der Jungspund Wirtschaft an einer Business-School, zieht nach Berlin, schnappt sich zwei Kumpels, kopiert eine bewährte Internetidee aus Amerika und hat maximal 100 Tage Zeit, um Deutschland davon zu überzeugen, dass er das nächste ganz große Ding am Wickel hat. Im Monatsrhythmus geht es dann quer durch Europa, nach Russland, Afrika oder Südamerika. Und schon schießt er die nächste Firma hinterher. Eine nach der anderen. Gründen wie am Fließband.

Früher stand am Anfang von Konzernen eine Erfindung – ein Produkt, mühsam entwickelt. Dann suchte sich der stolze Entrepreneur Geldgeber, um daraus ein Geschäft zu entwickeln. Heute läuft es umgekehrt: Geldgeber stehen parat, greifen sich aus einem Pool von Geschäftsideen die vermeintlich lukrativste heraus – Inhalt eher egal – und alles, was es an Expertise braucht, um damit global Geld zu verdienen, steht von Anfang an bereit. „Serien-Gründer“ starten einen Online-Marktplatz nach dem anderen, machen Apps für Musik, gesundes Leben, Finanzdienstleistungen, Nachhilfe oder das Wetter. Sie eröffnen virtuelle Shops für Mode, Designermöbel, Medizinprodukte oder Lebensmittel. Scheitert ein Projekt, geht das nächste an den Start. Die Ideen gehen nie aus, dafür sorgen zur Not die Leute im Silicon Valley.

Nirgendwo in Deutschland funktioniert das so gut wie in Berlin. Niemand beherrscht die Kunst so perfekt wie die Samwer-Brüder. Die drei Internet-Pioniere haben mit „Rocket Internet“ in Berlin eine Fließbandfabrik für Internet-Firmen aufgezogen. Sie erfinden nichts, sie gucken, welche Ideen anderswo funktionieren, und kopieren sie. Den Händler Zalando haben sie auf diese Weise groß gemacht, das Online-Möbelhaus Home24, den Krimskrams-Versender Westwing und den Lebensmittel-Lieferdienst Foodpanda.

Kein Geschäft entwickelt sich in Deutschland so dynamisch wie ihres. Die Samwers haben an die 80 Internetdienste laufen, beschäftigen weltweit mehr als 25 000 Mitarbeiter und haben im Herbst den Börsengang des Jahres 2014 hingelegt, obwohl ihre Gesellschaften Verluste machen, die meisten gerade zwei, drei Jahre alt sind. Trotzdem ist Rocket Internet aktuell 7,7 Milliarden Euro an der Börse wert – mehr als Traditionskonzerne wie die Deutsche Lufthansa.

Ein Dutzend neue Projekte starten die Samwers im Jahr – nach dem immer gleichen Prinzip: Zwei, drei junge Burschen dürfen sich beweisen, die Besten der Besten von renommierten Universitäten. Sie tragen Jeans, weißes Hemd und Hipster-Bart und haben im ersten halben Jahr Zugriff auf die ausgefeilte Rocket-Infrastruktur: IT, Logistik, Werbung, alles ist standardisiert, perfektioniert. IT-Leute kümmern sich um die Plattformen. Wie diese aussehen müssen, wissen sie aus der Erfahrung Dutzender ähnlicher Firmen, die sie für Rocket gebaut haben. Übersetzer transferieren die Plattformen ins Polnische, Französische oder Arabische. Bilder und Texte werden dem jeweiligen Kulturkreis angepasst. International beschlagene Juristen kümmern sich um das Kleingedruckte, justieren, je nach Branche oder Land, das Nötigste. So vermeidet Rocket die Fehler, die unerfahrenen Gründern unterlaufen, sobald sie ihr Metier oder ihr Land verlassen.

Früher war der Gang ins Ausland ein großes Wagnis – Fabriken mussten vor Ort gebaut werden, Autos oder Maschinen verschifft, Flagshipstores auf teuren Einkaufsmeilen gekauft oder angemietet werden. Viele große Marken sind daran gescheitert, ob Modekonzerne oder Autobauer.

Im Internet dagegen ist die Auslandsniederlassung im Handumdrehen eröffnet, ein Klick schaltet die Plattform frei und legt sie notfalls morgen wieder lahm, ohne große finanzielle Verluste. Auch Branchenkenntnisse zählen wenig. „Schuster bleib bei deinem Leisten“, den Lehrsatz beherzigen die Internetjungs nur selten. Denn wer heute im Netz in Mode macht, kann morgen auf Zahntechnik setzen und übermorgen das Bankenwesen revolutionieren, wenn er sich eine Handvoll Finanzexperten dazu holt.

Die größten Herausforderungen für die Unternehmer: Sie müssen ständig neue Leute rekrutieren und in der anfänglichen Verlustphase permanent Kapital nachschießen, also Investoren suchen. An dieser Klippe scheitern viele.

Das ist der große Pluspunkt der Samwers. Sie haben bereits etliche Milliarden eingesammelt, zuletzt 1,4 Milliarden Euro mit ihrem Börsengang im Herbst. Mit dem Geld können sie eine Geschäftsidee in den Markt drücken wie kaum ein anderer. Je schneller, desto besser. Hauptsache, die Umsätze schießen in die Höhe. Verluste werden toleriert, Tempo ist alles. Langsam gibt es im Internet nicht. Gerade weil jeder die Ideen klauen und umsetzen kann, muss man schneller sein, sich als Marktführer etablieren – so setzen sich Amazon und Ebay durch, Alibaba in China und die Samwers hierzulande.

Wer in Kategorien soliden Wirtschaftens denkt, dem tut das weh. Der misst den Wert eines Unternehmens in Fabriken und Waren, der will Gewinne sehen, die reinvestiert werden, um weiter zu wachsen. Der sieht hier eine Blase im Netz wachsen, die irgendwann platzt. Aber das Internet funktioniert nicht wie der deutsche Mittelstand.

Während viele konventionelle Branchen Stillstand beklagen, herrscht unter den Internetjungs Goldgräberstimmung. Immer mehr Studienabgänger drängen auf den Markt, speziell in Berlin, wo die Büromieten noch erschwinglich sind, das quirlige Umfeld stimmt und die Stadt die Berufseinsteiger mit Fördergeldern lockt. Mehr als jedes dritte Startup (39 Prozent) wird mittlerweile in Berlin gegründet.

In der Hauptstadt arbeiten bereits 60 000 Menschen in einem Startup, Kaufleute sind darunter, IT-Wissenschaftler, Designer, ungelernte Lagerarbeiter. Der Bundesverband Deutsche Startups schätzt, dass sie in fünf Jahren 150 000 Arbeitsplätze in Deutschland schaffen werden, das wären mehr als die Dax-Konzerne Deutsche Bank, Bayer und Lufthansa zusammen beschäftigen.

Der Ruf Berlins als arm, aber sexy hat sich weltweit herumgesprochen. In Europa ist Berlin unangefochten die Nummer eins für Gründer, hat London und Barcelona den Rang abgelaufen. „Berlin zieht die jungen Menschen magisch an“, heißt es in einer Studie des Startup-Verbands. Selbst konservative Geschäftsleute, seien sie Dax-Vorstandschefs oder Familienunternehmer, erzählen mit leuchtenden Augen vom Spirit in den Startup-Fließband-Fabriken. Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain wittert einzig dort das Potential, wenn Europa den Amerikanern Paroli bieten will – was er ausdrücklich nötig findet.

Die längste Zeit wurden die Nerds in Deutschland belächelt oder ignoriert. Im Herbst zeigten sich Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf einem IT-Gipfel – nicht ohne Mitbringsel: 430 Millionen Euro versprachen sie den Startups bis 2018. Und auch die Old Economy mischt als Finanzier mit. Der Versandhändler Otto ist mit von der Partie, Commerzbank, Deutsche Telekom, Münchener Rück. Sie versorgen Jungunternehmer mit Geld gegen Unternehmensanteile. Das Geschäftsmodell sollte „strategisch zum Konzern“ passen, heißt es bei der Telekom. „Hubraum“ nennt diese ihr Versuchslabor in Schöneberg, wo Studienabgänger ihre Ideen umsetzen dürfen. Auch die Amerikaner blicken auf Berlin. Google fördert „Factory“, einen neuen Campus für Gründer, direkt am Mauerstreifen. Eine Million Euro hat der Internetgigant im Sommer dafür spendiert. Zu den ersten Bewohnern zählten Twitter, der Berliner Myspace-Konkurrent SoundCloud und „6 Wunderkind“ mit seiner digitalen To-do-Liste.

Jedes dieser Startups ist eine Wette auf die Zukunft, ob Hundefutter-Vertrieb oder Spiele-Entwickler, ob Putzhilfe- oder Medizintechnik-Portal. Manche Ideen gehen auf, andere nicht. HausMed zum Beispiel wollte Nutzern beim Abnehmen oder Blutdrucksenken helfen. Eine schöne Idee, der es nicht an prominenter Unterstützung mangelte: Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer stieg ein. Anfang 2014 mussten sie trotzdem Insolvenz anmelden.

Auch die Samwers haben Bruchlandungen zu verzeichnen. Aus der Türkei mussten sie sich zurückziehen. Gegen Airbnb haben sie mit ihrer Wohnungsvermittlung Wimdu in vielen Ländern keine Chance, dem Taxidienst Uber können sie mit Easy Taxi in Deutschland kein Paroli bieten. Dafür mischen ihre Taxifahrer Brasilien auf, den Mittleren Osten und Afrika. Jeden Monat startet die App in drei neuen Städten.

Wo ihre Dienste erfolgreich sind, das verrät den Samwers nicht das Bauchgefühl, sondern Zahlen, Zahlen, Zahlen. Ihr Geschäft richtet sich ausschließlich nach Kennzahlen, die Monat für Monat verglichen werden. Fällt ein Startup zurück, kann es das Tempo nicht halten, die Erlöse nicht steigern, ziehen die Samwers die Reißleine. Ohne Rücksicht, ohne Emotionen. Eine zweite oder dritte Chance gibt es nicht. Für Spätzünder ist im Zeitalter des Internets keine Zeit.

 

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