Lächelnd zwischen Anzugträgern

Iris Dilger baut Hunderte Wohnungen, sie ist eine erfolgreiche Frau in einer Männerbranche. Wie geht das?

Als sich Iris Dilger 1990 bei einem Maklerhaus in Köln um einen Ausbildungsplatz bewarb, kam schnell die Absage: „Sehr geehrtes Fräulein Dilger, in diesem Beruf bilden wir nur Männer aus“, hieß es im Brief unmissverständlich. Heute kann Dilger darüber laut lachen. Und der Absender von damals dürfte sich schwarz ärgern. Denn er hat versäumt, jemanden einzustellen, der nicht nur einen Sinn für Humor hat, sondern auch für gute Geschäfte.

So fern diese Anekdote heute auch wirkt: Immer noch ist die Immobilienbranche eine Männerwelt. Wer sich auf einer Immobilienmesse oder einem Richtfest umschaut, sieht viele Anzugträger und kaum Frauen. Dilger ist eine Ausnahme. Sie ist kein Typ fürs Kostümchen, eher für den Hosenanzug. Dass sie sich durchsetzen kann, bewies sie nicht nur in ihrer Heimatstadt Köln. In Frankfurt hat sie, nach Zwischenstation bei Bien-Ries, zunächst die Niederlassung von Hochtief-Formart geleitet und sich dann vor fünf Jahren mit der „Wohnkompanie“ selbständig gemacht. Rund 700 Wohnungen hat sie gebaut, fast alle sind verkauft.

Wie behauptet man sich als Frau in einer Männerbranche? Dilger glaubt, dass sie ihre Karriere dem liberalen Flair in Frankfurt zu verdanken hat. „Köln ist eine Männerwirtschaft“, sagt sie. Aber auch in Frankfurt ist der Herrenwitz nicht ausgestorben. „Es gibt in unserer Branche sehr viele Machos.“ Zu zart besaitet dürfe man bei derben Sprüchen nicht sein. „Ich lächele das weg.“ Sie vertraut auf ihre offene Kölner Art.
Dass immer mehr Frauen in Führungspositionen aufsteigen, hat mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Das liegt für Dilger nicht zuletzt an Angela Merkel: „Mädchen bekommen heute vorgelebt, dass unsere mächtigste Figur eine Frau ist.“ Dilger hatte zudem Glück, dass Wohnungsbau „trendy“ wurde, wie sie sagt. Als sie 1998 an der European Business School studierte, war man als Wohnungsbauer noch ein Exot. Damals ging es vor allem um Bürotürme. Heute ist sie mit ihren Wohnprojekten „Eastgate“ im Ostend und „Sophie“ in Bockenheim eine gefragte Projektentwicklerin auf dem Frankfurter Markt. Auch in Karben, Oberursel und Offenbach ist sie tätig.

Dilger genießt den Austausch mit anderen Geschäftsfrauen. Sie meint: „Frauen sind ehrlicher und diskutieren tiefer.“ Aber auch in Männerrunden hat sich der Ton gewandelt. Ein lockerer, selbstverständlicher Umgang mit Frauen auf Augenhöhe scheint eine Generationenfrage zu sein. Zu Terminen mit älteren Herren schickt sie lieber einen männlichen Kollegen. „Männer über siebzig haben oft Probleme, mich als Geschäftspartnerin zu akzeptieren“, sagt Dilger. Auch in einer indischen Bank wurde sie während des ganzen Gesprächs nicht ein einziges Mal angeschaut. Das hat sie damals, wie gewohnt, einfach weggelächelt: „Die Welt hat sich gedreht.“

Von Rainer Schulze

 

Alle Rechte vorbehalten © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte für F.A.Z.-Inhalte erwerben Sie auf www.faz-rechte.de