Mehr Künstler, Architekten und Heilpraktiker

Immer mehr Selbständige in Deutschland streben in die Freien Berufe.

Doch zugleich stagniert die Zahl der neugegründeten gewerblichen Unternehmen.

dc. BERLIN, 19. Juni 2015. Der Gründergeist in Deutschland erlahmt, die Zahl selbständiger Unternehmer stagniert. Doch ein Bereich scheint davon völlig unberührt zu sein: Die Freien Berufe – dazu zählen Ärzte, Anwälte, Architekten, Steuerberater, aber auch Künstler – erleben einen erstaunlichen Aufschwung. Anfang 2015 waren hierzulande zum ersten Mal mehr als 1,3 Millionen Menschen als selbständige Freiberufler tätig. Das sind 44 000 oder 3,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Seit dem Jahr 2005 hat sich die Zahl der Freiberufler sogar um 450 000 oder fast 53 Prozent erhöht. Das zeigt die neue Jahresstatistik des Bundesverbands der Freien Berufe (BFB), die dieser Zeitung vorliegt.

Der lange und stetige Aufschwung dieser Form der Selbstständigkeit unterscheidet sich deutlich von der übrigen Entwicklung. Die Gesamtzahl der Selbstständigen in Deutschland lag 2005 bei 3,8 Millionen und bewegt sich auch heute in diesem Bereich, wie Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen. Nach einem leichten Anstieg auf 3,9 Millionen Selbstständige im Jahr 2010 fiel sie wieder zurück. Der Anteil der Freiberufler an der Gesamtzahl der Selbstständigen hat sich damit innerhalb nur eines Jahrzehnts von 23 auf 33 Prozent erhöht.

In der insgesamt geschrumpften Gruppe der Firmengründer spielen Freiberufler sogar eine noch größere Rolle. Wie der jährliche Gründungsmonitor der Förderbank KfW ausweist, wurden 2014 insgesamt 368 000 Betriebe durch Freiberufler gegründet. Das waren mehr als 40 Prozent aller Firmengründungen im vergangenen Jahr. „Die Anzahl von Gründern in freiberuflichen Tätigkeitsfeldern ist stark angestiegen, während die Gründungstätigkeit in gewerblichen Tätigkeitsfeldern nachließ“, beschreibt die KfW den schon seit einigen Jahren erkennbaren Trend.

Eine besonders wichtige Ursache liegt auf der Hand: Der Dienstleistungssektor gewinnt innerhalb der Volkswirtschaft allgemein an Bedeutung. Da ein wesentliches Merkmal der Freien Berufe das Erbringen „geistig-ideeller Leistungen“ ist, verlagert sich damit naturgemäß ein wachsender Anteil der Gründungen in diesen Bereich. Überdies genießen Freiberufler insbesondere im Steuerrecht einige Vorzüge gegenüber Selbstständigen im „normalen“ gewerblichen Bereich. Sie müssen zum Beispiel kein Gewerbe anmelden und keine Gewerbesteuer zahlen; auch sind sie von der Pflicht zur doppelten Buchführung befreit.

Anders als etwa für Ärzte, Anwälte und Architekten sind aber nicht in allen Freien Berufen gesetzliche Regeln für den Berufszugang oder verbindliche Gebührenordnungen vorgeschrieben. Dies gilt vor allem für die wachsende Zahl an Kreativ- und Kulturberufen, die das Steuerrecht dennoch als Freie Berufe anerkennt. Tatsächlich entfällt von dem starken Anstieg der Gesamtzahl an Freiberuflern der mit Abstand größte Teil auf die Kulturberufe, wie einem Bericht der Bundesregierung über die Freien Berufe zu entnehmen ist: Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Selbstständigen allein dort von 132 000 auf heute mehr als 300 000 erhöht.

Sehr starke Zuwächse gibt es aber auch unter den Heilberufen, und zwar vor allem im Bereich der „sonstigen Heilberufe“, unter die etwa Physio- und Psychotherapeuten, Logopäden und Hebammen fallen: hier hat sich die Zahl der Selbstständigen von 53 000 im Jahr 2000 bis heute mehr als verdreifacht. Die Zahl der freiberuflich tätigen Ärzte stieg in dieser Zeit leicht an, die der Apotheker ging indessen leicht zurück.

Insgesamt verzeichneten die freien Heilberufe auch im vergangenen Jahr mit 3,9 Prozent überdurchschnittliche Zuwächse, zusammen sind dort nun 404 000 Selbstständige tätig. Deutlich (plus 3,7 Prozent) legten abermals auch die Kultur- und Kreativberufe zu. Etwas schwächer wuchsen dagegen mit plus 3,4 Prozent die technisch-naturwissenschaftlichen Berufe – etwa selbständige Ingenieure – sowie rechts-, wirtschafts- und steuerberatende Berufe (2,9 Prozent). Verglichen mit den gewerblichen Selbstständigen sind aber auch sie Wachstumsbereiche.

Der Präsident des Bundesverbands, Horst Vinken, kommentiert die Entwicklung selbstbewusst. Die Freien Berufe trügen „maßgeblich zur wirtschaftlichen Dynamik in Deutschland und im europäischen Binnenmarkt bei“. Umso deutlicher wendet sich Vinken gegen Bestrebungen der EU-Kommission, den Sektor zu deregulieren. Das „Primat des Preises über das der Qualität“ zu stellen sei „ökonomisch falsch“, kritisiert Vinken. Die Kommission in Brüssel prüft derzeit, ob etwa staatliche Gebührenordnungen oder das Verbot einer Beteiligung berufsfremder Investoren an Anwaltskanzleien mit dem europäischen Binnenmarkt vereinbar sind. Vinken wertet dies als Versuch, ökonomische „Strohfeuer“ zu entfachen. Europa dürfe sich in der globalisierten Welt aber „nicht in einen Preiswettbewerb stellen, sondern sollte seine Chancen im Qualitätswettbewerb erkennen“ – dafür stünden die Freien Berufe.

Die KfW-Studie zu Existenzgründungen lobt auf der einen Seite, dass die freiberuflichen Tätigkeitsfelder „eine Stütze des Gründungsgeschehens“ seien. Andererseits hätten allerdings „Gründungen in gewerblichen Tätigkeitsfeldern eine bessere Bilanz direkter volkswirtschaftlicher Effekte“, schreibt die KfW. So hätten zwar 32 Prozent der gewerblichen Gründer auch angestellte Mitarbeiter, aber nur 13 Prozent der freiberuflichen. Die neue Statistik des BFB wartet indes auch in dieser Hinsicht mit einer Rekordnachricht auf: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Mitarbeiter von Freiberuflern habe Anfang 2015 erstmals die Schwelle von 3 Millionen überschritten. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 3,4 Prozent.

 

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