Ohne Business-Plan geht nichts

Erfolgreiche Unternehmerinnen mit ausländischen Wurzeln berichten über den Start.

FRANKFURT. Die Mutter kam als Gastarbeiterin aus der Osttürkei, der Vater und die drei älteren Brüder folgten: Sevinc Yerlis Familiengeschichte ist gleichzeitig typisch und untypisch für türkische Einwanderer. Yerli wurde 1978 geboren, vier Jahre nachdem ihre Mutter in Nürnberg eine Heimat gefunden hatte. Mit einer Starthilfe des Vereins Jumpp, der sie dabei unterstützte, einen Business-Plan zu erstellen, führt sie heute im Ostend das erfolgreiche Modelabel Chili Bang Bang, das sie 2014 gegründet hat.
Es war in Los Angelos, wo die Idee für das Label entstand: Yerli ging allein durch die Straßen, ihr Mann besuchte in der Stadt beruflich eine Elektronikmesse. Ihr gefiel der Glamour-Look, den die Frauen dort trugen, gleichzeitig fand sie, dass die Qualität in vielerlei Hinsicht nicht europäischen Standards genügte. Eigentlich ist Yerli Einzelhandelskauffrau und Make-up-Artist; sie hatte ein Make-up-Atelier des Modelabels Versace. Doch bevor sie 2003 in Coburg das erste von drei Kindern zur Welt brachte, gab sie das Atelier auf. 2006 zog sie nach Frankfurt.
Mittlerweile verkaufen sich Produkte von Chili Bang Bang in 70 Läden in Deutschland. Jede Kollektion hat mindestens 80 Teile. Das Unternehmen kombiniert Glamour und Straßenstil so, dass die Kleidung zu ganz unterschiedlichen Anlässen getragen werden kann. Von Anfang an nutzte Yerli die sozialen Netzwerke, um ihre Produkte zu vermarkten. „Die Kleidung im Alltag tragen und dabei cool wirken“ ist ihr Anspruch. Sie sei als Migrantin auch „Botschafterin für etwas“, sagt sie. Ihrer Meinung nach soll die Gesellschaft von Migranten die gleichen Leistungen wie von allen anderen erwarten, ihnen aber von klein auf zusätzlich Deutschunterricht anbieten.

Yerli lässt alle Kleider und Stoffe in Istanbul produzieren – zu fairen Bedingungen. Das heißt, dass europäische Standards wie Versicherungsschutz und Höchstarbeitszeiten für Arbeitnehmer gewährt werden. Sie selbst arbeitet viel mit freien Mitarbeitern und Teilzeitkräften zusammen: Falle eine Vollzeitkraft aus, fehlten gleich 40 Arbeitsstunden in der Woche, sagt Yerli.
Die kroatischstämmigen Schwestern Marijana Biscanic, 38 Jahre alt, und Michaela Hrgovic, 42 Jahre, haben ihren Weg mit einem eigenen Damenmodegeschäft im Mai 2015 begonnen. Es heißt Noée und richtet sich dem Anspruch nach an Frauen, die mitten im Berufsleben stehen. „Individuelle, feminine, sportlich elegante Mode“ zu bezahlbaren Preisen bieten sie nach eigener Aussage an. Nicht so sehr die Mode, die in den großen Kaufhäusern ausgestellt wird: „Die Kleidung setzt sich durch kleine, liebevolle Details ab“, sagen die Schwestern. Zum Beispiel wird ein Business-Hosenanzug mit einem Ringelpullover kombiniert; Kleider können mit einem ausgefallenen Blazer oder einer Perlenbluse getragen werden.
„Unsere Kundin ist eine starke Persönlichkeit“, sagen die Gründerinnen. „Sie möchte ein eigenständiges Mode-Statement abgeben und sich der Vergleichbarkeit entziehen.“ Wichtig seien ihnen eine „erstklassige“ Verarbeitung, schöne Stoffe und Herstellungsorte mit guten Bedingungen für die Angestellten. Mit Hilfe von Jumpp haben sie einen Business-Plan erstellt, um einen Unternehmerkredit zu erhalten. Ohne Jumpp wäre die Finanzierung nach ihrer Aussage nicht möglich gewesen. Das Geschäft steht in der Nähe der ehemaligen Börse. Die Geschwister bieten unterschiedliche Labels aus Deutschland und Italien an.

Eine etwas andere Geschäftsform hat Zinnet Peken entwickelt. Die Frau aus dem türkischen Teil Kurdistans besitzt ein Nomadenzelt mit dem Namen „Konolino“, was „kleines Nomadenzelt“ bedeutet. Schulen, Museen, Jugendzentren, aber auch Privatpersonen können sie buchen, um vor allem Kindern die Kultur verschiedener Nomadenvölker näherzubringen. Peken war selbst eine Art Nomadin, bis sie Anfang der achtziger Jahre nach Bayern zog – ihr Vater kam als Gastarbeiter. Seit Ende der achtziger Jahre lebt sie in Frankfurt. Wie alt sie ist, weiß sie nicht: „Zwischen 40 und 50, auf jeden Fall jünger als 60 Jahre.“ Für Kinder sei das unvorstellbar. Ihr Ziel ist es, einen Rahmen zu geben, in dem jeder selbst ein Verständnis für andere Kulturen entwickeln kann – mit Hilfe von Erzählungen, Speisen und Kleidung der jeweiligen Kultur. Peken bezieht sich auf Urvölker. Darüber hinaus bietet sie ein Erzähltheater an, mit dem sie in ländliche Regionen in der Nähe von Frankfurt kommt, um den dortigen Bewohnern eine Idee vom Leben der Nomadenkulturen zu geben. Dafür arbeitet sie mit freiberuflichen Musikern und anderen Künstlern zusammen. Sie wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert. Von Jumpp ist sie beraten und bei der Gründung begleitet worden.
Cristina Conesa Carbonell hat früher auch ein bisschen wie eine Nomadin gelebt: Die Spanierin hatte, seit sie 18 Jahre alt ist, in elf Städten, fünf Ländern und drei Kontinenten einen Wohnsitz. Im Oktober 2014 ist die heute Siebenunddreißigjährige fest nach Frankfurt gezogen. Aus ihren Erfahrungen machte sie im Januar 2016 ein Unternehmen: Es bietet Arbeitnehmern internationaler Organisationen und Unternehmen Hilfen an, sich schnell in Frankfurt zurechtzufinden. Hilfe bekommen sie zum Beispiel bei Behördengängen, bei der Wohnungssuche und dabei, über Gruppen in sozialen Netzwerken Kontakte zu knüpfen. Carbonell betreut oft nicht nur die Angestellten selbst, sondern auch Familien, die mit nach Frankfurt gezogen sind. Der Unternehmensname C3 Relocations leitet sich von den drei Cs in Carbonells Namen ab und steht gleichzeitig für „Consulting“, „Culture“ und „Comfort“. Gerade der dritte Teil ist Carbonell wichtig: Die Angestellten sollen sich wohl fühlen.

CARL DOHMANN

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