Sie nennen es immer noch Arbeit

Vor einem Jahrzehnt sorgten zwei Autoren mit ihrer These von der digitalen Bohème für Aufsehen.

Hat die Technik das Arbeiten seitdem freier gemacht? Oder sind Home Office und Sabbaticals nur Selbsttäuschung?

Anja Völker hat zwar seit einem Dutzend Jahren einen Arbeitsvertrag in einem Großunternehmen – einen festen Arbeitsplatz aber hat sie nicht. Mal sucht sie sich einen Schreibtisch, mal geht sie zu anderen Mitarbeitern, mal arbeitet sie am Laptop im Homeoffice, mal vom Smartphone aus auf dem Flughafen. Ihre Aufgaben sind vielfältig, immer wieder trifft sie mit neuen Menschen zusammen. „Ich erlebe eine spürbare Entwicklung zu immer mehr Freiheit bei der Arbeit“, sagt die 32 Jahre alte Völker über ihren Arbeitgeber. Die Robert Bosch GmbH ist seit dem 19. Jahrhundert ein Aushängeschild der deutschen Industrie und immer wieder auch ein Vorreiter in Sachen Arbeitsbedingungen. Die Wirtschaftsinformatikerin Völker arbeitet für Bosch an der Strategie des digitalen Arbeitsplatzes, führt Software ein, prüft Apps für die Kommunikation unter Mitarbeitern.

„Ich erlebe sehr wenig Restriktionen“, sagt die junge Frau, die optimistisch und schnell redet, „man darf sich viel trauen und wird nicht zurückgepfiffen.“ Es wirkt heute fast unzeitgemäß, dass eine junge Frau nach dem Berufseinstieg mehr als ein Jahrzehnt ohne Unterbrechung für einen etablierten Arbeitgeber arbeitet. Was Völker indes berichtet, klingt nach Fortschritt: Eigenverantwortung, Flexibilität, Identifikation mit der eigenen Arbeit – all das, sagt sie, mache ihre Arbeit im Industrieunternehmen aus.

All das spielt auch eine Rolle in einem Buch, das vor gut einem Jahrzehnt erschien und seinerzeit viel diskutiert wurde: „Wir nennen es Arbeit“ von Holm Friebe und Sascha Lobo. Das Buch betrieb nicht nur Aufklärung über neue Formen digitaler Freiberuflichkeit und der Netz-Ökonomie, sondern zeichnete auch ein positives Bild kreativer Selbständiger: „Die digitale Bohème verzichtet dankend auf einen Anstellungsvertrag und verwirklicht mittels neuer Technologien den alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten – ein zeitgemäßer Lebensstil, der sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt“, hieß es im Klappentext.

Für die Autoren dürfte diese Prognose zutreffen: Lobo ist als Blogger und Redner längst eine eigene Marke geworden, Friebe als Unternehmer und Trendforscher unterwegs. Doch hat sich die digitale Bohème jemals über die Berliner Caféhaus-Szene hinausentwickelt? Haben frei und selbständig arbeitende Menschen in dieser Ökonomie spürbar an Bedeutung gewonnen? Und haben die Denk- und Arbeitsweisen der Pioniere vielleicht sogar kleine, mittelständische und große Unternehmen erreicht – so dass, wie Friebe und Lobo damals polemisierten, „intelligentes Leben“ nun auch „jenseits der Festanstellung“ möglich ist?

„Damals ging es uns darum, dem Heulen und Zähneklappern nach dem Platzen der Dotcom-Blase etwas entgegenzusetzen: das Modell des Solo-Selbständigen, der unter sich keine Sklaven haben will, über sich keinen Herrn“, wie es Holm Friebe heute mit Anklang an Bertolt Brecht sagt. Es war eine Zeit, als viele Menschen auf den Zusammenbruch des neuen Marktes und rasch steigende Arbeitslosigkeit mit dem reflexhaften Wunsch reagierten, zurück in feste Strukturen zu kommen. Bis heute ist die Zahl der Beschäftigten mit ein paar Rückschlägen gestiegen und war zuletzt mit rund 32 Millionen so hoch wie nie zuvor. Aber es gibt auch einen anderen Trend: 1,344 Millionen Selbständige in den Freien Berufen gab es 2016 laut dem Institut für Freie Berufe in Nürnberg (IFB) – knapp 440 000 mehr als 2006, als „Wir nennen es Arbeit“ erschien. Vor allem in den freien Kulturberufen und im Beratungssegment gibt es kräftiges Wachstum.

Viele Freiberufler, ob Regisseur, Dolmetscher, Rechtsanwalt oder Psychotherapeut, eint eine Haltung, die neben dem Geld vor allem den Wesenskern der Arbeit, ihre Wirkung im Zentrum hat. Friebe und Lobo zogen damals eine harte Grenze, indem sie das propagierte Modell der Wirklichkeit in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen entgegenstellten. „Das Milieu, das wir beschrieben haben, zeichnet sich durch intrinsische Motivation aus, durch den Wunsch, etwas Sinnvolles zu leisten und dabei nicht zu verhungern“, sagt Friebe im Rückblick. Doch wer heutige Diskussionen über die Arbeitswelt verfolgt, fragt sich: Ist dieser Anspruch nach Verwirklichung und Spaß nicht inzwischen auch schon für viele Beschäftigte Realität geworden?

In ihrem Buch schrieben Friebe und Lobo: „Die digitale Bohème verändert die Arbeitswelt, nicht nur die eigene, sondern auch die der Festangestellten, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass wir sie in fünf bis zehn Jahren nicht wiedererkennen werden.“ Und tatsächlich gehören digitales, projektbasiertes, agiles, zeitlich flexibleres Arbeiten heute in immer mehr Unternehmen selbstverständlich dazu.

Bosch zählt sicherlich zu den Vorreitern dieser Entwicklung. Uwe Schirmer ist dort verantwortlich für Personalgrundsatzfragen. Er hat in den vergangenen drei Jahren eine Veränderung der Arbeitswelt beobachtet wie im vorangegangenen Vierteljahrhundert nicht. Menschen bekämen mehr Freiheiten, sich selbst zu organisieren, ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort flexibel zu gestalten und kreativ zu sein, sagt er. „Wir schaffen die Rahmenbedingungen, damit sich unsere Mitarbeiter entfalten können.“ Das können Regelungen zum mobilen Arbeiten sein oder auch ein Forschungscampus mit großem Kreativraum. Mitunter sei es gar nicht so einfach, diese neuen Arbeitsmodelle den anderen Mitarbeitern zu erklären, die in der Produktion oder in anderen, fest strukturierten Unternehmensbereichen tätig sind. „Es ist eine große Kulturveränderung, weg von einer Präsenz-, hin zu einer Ergebniskultur und gleichzeitig eine große Führungsaufgabe – aber nur so kann unser Unternehmen in der vernetzten Welt erfolgreich sein“, sagt Schirmer. Bei Bosch gibt es Teams, die sich selbst organisieren und Projekte, in denen Freiwillige die etablierten Geschäftsbereiche mit neuen Geschäftsideen attackieren, um das Unternehmen zukunftssicher zu machen.

Arbeitsweisen, die vor einem Jahrzehnt noch avantgardistisch anmuteten, sind heute längst etabliert. „Der demographische Wandel zwingt Unternehmen, Mitarbeitern mehr Freiraum zu geben“, beobachtet der Wirtschaftsinformatiker Björn Niehaves von der Universität Siegen. Im heutigen Arbeitsmarkt müssen sich Unternehmen attraktiv machen, müssen ihre Marke aufpolieren („Employer Branding“) – und da seien eben Werte wie Freiheit, Individualität und Work-Life-Balance zentral, erklärt Niehaves. Auch Dieter Spath, Arbeitswissenschaftler und Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, hat keinen Zweifel daran, dass sich Menschen heute stärker verwirklichen wollen als früher. Zugleich fordere die Digitalisierung der Wirtschaft stärker selbstbestimmte Arbeit. „Die Unternehmen müssen entsprechende Bedingungen schaffen“, fordert Spath. Zwar täten sich viele Arbeitgeber noch schwer. Doch auch in der Fertigung werden „Eigenverantwortung“ und „Übersichtshandeln“ immer wichtiger. Spath spricht mit Blick auf die Industrie 4.0 von „Dirigenten der vernetzten Wertschöpfung“. Arbeiten Festangestellte bald überall so, wie es Friebe und Lobo einst als Ideal für kreative Selbständige beschrieben?

„Wir haben gelernt, dass wir ohne feste Strukturen besser arbeiten.“ Das sagt der Vorstand eines Unternehmens mit 400 Mitarbeitern: Rainer Vehns, Mitgründer des Solinger Softwareunternehmens Codecentric. Das Unternehmen startete 2005, wuchs stark und schuf zunächst neue Hierarchieebenen. Die nahm das Unternehmen jedoch im Laufe der Zeit wieder zurück und setzte stattdessen auf zeitliche Flexibilität und Home-Office. „Wir würden ohne diese Freiheiten keine guten Softwareentwickler mehr finden“, gibt Vehns zu. Auch inhaltlich haben die Mitarbeiter Spielraum: 20 Prozent der Arbeitszeit dienen dem Wissensaufbau und der Vermittlung von Wissen sowie dem Arbeiten an eigenen Ideen. Teams entscheiden selbst über Rollen der Mitarbeiter und den Einsatz von Technik.

Doch Codecentric ist sicher nicht repräsentativ. Susanne Robra-Bissantz, Wirtschaftsinformatikerin an der TU in Braunschweig, sagt mit Blick auf das Buch von 2006: „Heute können wir beobachten, dass sich viele der Thesen in der Realität wiederfinden – wir müssen uns an manchen Stellen aber auch fragen, ob das in die richtige Richtung geht.“ Es sei Realität, dass Menschen heute, ob selbständig oder angestellt, aus Hobbys und Begabungen wertvolle Karriereimpulse mitnehmen können, von der Vernetzung und vom Selbermachen profitieren. Ähnlich wie in den Netzwerken autonomer Freiberufler werde es auch innerhalb von Unternehmen mit vielen Angestellten künftig darum gehen, „Verantwortung kooperativ aufzuteilen“, sagt Robra-Bissantz. Doch auf der anderen Seite sieht sie gehörige Probleme. Etwa, dass Unternehmen die Verantwortung für die einzelnen Mitarbeiter erhöhen, ohne schon eine entsprechende Führungs- oder Unternehmenskultur zu haben. Ein Beispiel: Wenn flexible oder gar Vertrauensarbeitszeiten eingeführt würden, klinge das positiv. Doch manche Führungskräfte trauten der Sache nicht und führen weiterhin private Listen über die Anwesenheitszeiten.

Für die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände ist örtliche und zeitliche Flexibilität ein wichtiges Thema. „Die gesetzlichen Arbeitszeiten stammen aus dem letzten Jahrhundert. Sie passen zum Teil nicht mehr in unsere Zeit“, heißt es. Eine „gezielte Weiterentwicklung der gesetzlichen und tariflichen Regelung zur Arbeitszeit ist notwendig“, flexible vertragliche Arbeitszeitregelungen müssten gesichert und durch tarifliche Öffnungsklauseln gestärkt werden.

Allerdings ist Vorsicht geboten. „Die Dosis macht das Gift“, sagt der Psychologe Jürgen Glaser von der Universität Innsbruck mit Blick auf örtliche und zeitliche Flexibilität. In einer Untersuchung bei kleinen und mittelständischen Betrieben in Bayern fanden die Innsbrucker Forscher heraus, dass Flexibilisierung und Entgrenzung ein langfristiges Gesundheitsrisiko mit sich bringen können. Im Auftrag des bayerischen Landesamts für Gesundheit erarbeitete Glaser einen Leitfaden für Betriebe, mit Selbstcheck und einem Appell für eine angemessene neue Führungskultur.

Home Office hin, Sabbatical her – im Herzen der Idee einer „digitalen Bohème“ steht die Selbstbestimmung. Auch Angestellte sehnen sich häufig danach. Aber an entscheidender Stelle seien sie eingeschränkt, glaubt der Siegener Forscher Niehaves: „Viele Unternehmen machen sich die Tendenz zur freien Wahl von Zeit, Ort, Technologie zunutze – allerdings lassen sie den Arbeitnehmern oft weniger Mitspracherecht beim Inhalt.“ Wer aber am frühen Nachmittag im Café am Laptop sitzt, Jazz auf den Ohren hat und die Order vom Chef abarbeitet, dem fehlt letztlich das entscheidende Element, das die digitale Bohème versprach: Autonomie. Wer die Mechanismen kritisch hinterfragt, kann zumindest vermuten, dass Arbeitgeber heute oft mehr Selbstbestimmung suggerieren, um Produktivität zu steigern und Individualität der Mitarbeiter betonen, um den Leistungswettbewerb unter den Angestellten zu erhöhen. Flexiblere Arbeit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Autonomie, führt nicht automatisch zu mehr Spielraum, mehr Sinn in der Arbeit. Psychologe Glaser mahnt: „Aus der vielgeschätzten Autonomie kann eine Überforderung werden, wenn sie darauf hinausläuft, dass die Marktmechanismen ungefiltert durchschlagen, und wenn Mitarbeiter nicht gelernt haben, Arbeit selbst zu organisieren.“ Ein behutsamer Aufbau von Autonomie ist angebracht – denn viele Angestellte wollen gar nicht wie Freie arbeiten.

Holm Friebe sieht es kategorisch: „Es mag sein, dass es oft flachere Hierarchien gibt, aber es sind immer noch Hierarchien.“ Gehört das Unternehmen jemandem, dann gibt es für Angestellte nur scheinbar Autonomie, argumentiert er. Daran ändere sich auch mit neuen Zeitmodellen oder Projektmanagementtools nichts. Und so bleibt er dabei, dass das Buch, das er vor elf Jahren mit Sascha Lobo schrieb, aktueller sei denn je. Auch wenn es gerade eine Gegenbewegung vieler Beschäftigungen gebe. „Das sind die letzten Zuckungen des Ancien Régime“, sagt Friebe. Er wirft den Blick zurück in die Antike, um die Zukunft unserer Arbeit zu beschreiben, zum griechischen Begriff Oikos, der Wurzel des Worts Ökonomie. Friebe erinnert an die Hauswirtschaft, wie sie im antiken Griechenland als Modell galt. „Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen mit digitaler Arbeit wieder ähnlich wirtschaften wie in der griechischen Antike, als sie hinter dem Haus Landwirtschaft betrieben und aus dem Fenster Marmelade verkauften.“ Was man dann Arbeit nennt, sagt Friebe, werde „bunter und wieder zum Wesen der Menschen“ gehören.

 

Von Tim Farin

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