Habe ich die Voraussetzungen zum Gründer?

Zwischen Enthusiasmus, Skepsis und Spott:

Wer ein Unternehmen gründen will, muss Widerstände aushalten. Außerdem waren die Zeiten für Start-ups schon besser.

Start Up Gründer

Von Deike Uhtenwoldt

Was wird aus einem, für den die Selbstbestimmung das höchste Gut ist? Der sich trotz des geringsten Taschengeldes als erster ein eigenes Auto zulegen kann? Und der damit die Schulkameraden für kleines Geld zur Eisdiele chauffiert, um die laufenden Kosten des Fahrzeugs zu decken? Eberhard Dittmann wird Lehrer. Selbst als er den Job auf Lebenszeit gekündigt, seine Leidenschaft fürs Skaten erfolgreich zum Beruf gemacht und sich in Titus umbenannt hat, kommt dem 68er das Bekenntnis zum Unternehmertum lange nicht über die Lippen: „Ich habe nie beschlossen, Unternehmer zu werden. Ganz im Gegenteil. So eine Type wollte ich doch nie werden.“

Inzwischen aber prägt der „Lord of the boards“ nicht nur die Skater-Szene, sondern ist auch für viele Gründer ein Vorbild geworden. Eine Funktion, die Dittmann akzeptiert: Vorbildfunktion. „Meiner Meinung nach sollte jemand, der ins Unternehmertum einsteigt, erst mal gucken, ob er ein guter Skateboarder geworden wäre“, sagt Dittmann. „Denn dann hat man diese Eigenschaften alle: Nirgendwo fällt man öfter auf die Schnauze. Man muss auch lernen, dass es nach dem Auf-die-Schnauze-Fallen weh tut, aber man sich nicht lange mit seinen Schmerzen beschäftigen darf.“ Sondern Zähne zusammenbeißen, den Dreck aus den Klamotten klopfen und weiter probieren, bis es klappt. „Im Unternehmertum ist das eins zu eins genauso.“

Die junge Frau, der Titus Dittmann diese Lektion erteilt, ist ebenfalls Gründerin. Aber sie sucht nicht den ultimativen Tipp und will auch keinen Leitfaden für ihre Unternehmung: Marie Christine Carrillo forscht nach dem Umgang mit dem absoluten Unverständnis. So jedenfalls fasst die 31-Jährige die Reaktionen auf ihren Schritt in die Selbständigkeit zusammen – und damit auf die Kündigung im Controlling eines Hamburger Krankenhauses. Da waren die Eltern, die sich um die Zukunft der Tochter Sorgen machten, außerdem Freunde, die vorübergehend den Kontakt mieden, weil sie nicht wussten, wie sie mit der Situation umgehen sollten, und obendrein Kollegen, die sich vielleicht ein wenig auf den Schlips getreten fühlten.

Dabei kenne sie genügend Leute, die ihre Festanstellung verloren haben – oder eben das Gefühl von Selbstbestimmung vermissten. „Im Job fühlte ich mich häufig ausgebremst und wurde immer unzufriedener“, sagt sie. Dabei hat sich die gelernte Kauffrau im Gesundheitswesen und studierte MBA die Entscheidung keinesfalls einfach gemacht, hat Geld beiseitegelegt, genau abgewogen, eigene Motive hinterfragt. „Ich möchte etwas bewegen, eigene Ideen umsetzen, einfach mal machen – und für schön gemachte Bücher konnte ich mich schon immer begeistern.“ Marie Christine Carrillos Ursprungsidee, einen Verlag für Kinderbücher zu gründen, hat sie inzwischen modifiziert: „Ich fühle mich für das Thema Kinder doch noch nicht so reif. Die Gründer, ihre Motive und Unterstützer haben mich mehr interessiert.“

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Im Fokus der Gründerin steht vor allem die Frage: Wie hält man es aus, wenn kaum jemand an einen glaubt, und wie schafft man es dennoch, an seiner Entscheidung festzuhalten? In ihrem Fall war der Ehemann die Stütze, selbst ein Unternehmer und „Macher“, wie seine Frau sagt. „Aber was machen die Gründer, die nicht so einen Mentor und Motivator neben sich haben?“, wollte sie wissen und bat zwölf erfahrene und erfolgreiche Unternehmer um ein Interview. Darüber ist Carrillos erstes Buch „Lionhearted“ entstanden. Der Titel steht für beherztes Handeln. Auf die Frage, was einen guten Gründer ausmache, antwortet Titus Dittmann: „Die Haupteigenschaft ist in meinen Augen ein brennendes Herz.“

Gerade Vater geworden, kündigte Dittmann mit 36 Jahren den Beamtenjob, erzählte aber den Eltern erst gar nicht davon. Sie hätten den Schritt sowieso nicht verstanden. So wie auch die Lehrerkollegen urteilten: „Du bist unverantwortlich gegenüber deiner Familie.“ Einzig Dittmanns Ehefrau stand voll und ganz hinter der Entscheidung.

Wer so viel Widerstand aushalten will, braucht Willensstärke und eine gewisse Selbstüberschätzung. Das machen die Interviews deutlich. „Der gemeinsame Geist ist dieses Verständnis dafür, dass man manchmal durchs Feuer gehen muss, echte Kämpfe hat und nicht alle einen feiern“, sagt Mirco Wiegert. Der Mitbegründer des Hamburger Brause-Produzenten Fritz-Kola hat seine Idee bis zur ersten fertigen Kiste geheim gehalten, selbst vor seiner Familie. Und auch nach der Bekanntgabe hat er viel Spott und Skepsis erfahren: „Wir haben in Deutschland eine Kultur des 1000-Gründe-dagegen-Findens. Statt einfach mal fünf Gründe aufzuzählen, warum etwas funktionieren kann.“

Ist Deutschland das Land der Bedenkenträger? Laut „Gründungsmonitor 2017“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist die Zahl der Gründungen nach wie vor rückläufig, die Quote sank 2016 von 1,5 auf 1,3 Prozent. Daraus könne man aber nicht auf mangelnden Gründergeist schließen, sagt Georg Metzger, Autor der Studie. Vielmehr schlage die beispiellos gute Arbeitsmarktentwicklung direkt auf die Gründungsaktivitäten durch: „Die Chancen, in einer abhängigen Beschäftigung gut zu verdienen, sind groß. Man kann es den Menschen daher auch nicht verdenken, wenn sie sich für einen sicheren Job entscheiden.“

Mit dieser Aussage hat der Volkswirt allerdings eher den Typ „Notgründer“ im Blick: Erst der Anstieg der Arbeitslosigkeit und damit verringerte Chancen auf einen Arbeitsplatz geben diesen Menschen den Anstoß, sich selbständig zu machen. Die KfW spricht von Push-Faktoren. Anders die „Chancengründer“: Sie gründen, weil sie Neuland betreten und mit ihrer Idee und Innovation den Markt erobern wollen. Eine gute Konjunktur bestärkt ihre Entscheidung. Die KfW nennt es „Pull-Faktoren“. Beide Gründertypen sind rückläufig, die Notgründer gehen aber stärker zurück: innerhalb von sechs Jahren um die Hälfte.

Günter Faltin, Professor für „Entrepreneurship“ und selbst Unternehmer, ist skeptisch, was die Zahlen angeht. „Zu den Gründern zählt in der Statistik auch der Friseur oder Dachdecker, der sich selbständig macht“, sagt er. Das seien aber nicht die Start-ups, die den Wirtschaftsstandort Deutschland zukunftsfähig machen. „Gefragt sind heute Wissensgründungen, die von kreativen Köpfen durchdacht werden, unkonventionell sind und damit das Zeug haben, den Markt neu aufzurollen“, sagt Faltin. Seine Überzeugung: Das Bild vom Unternehmer als Gewinnmaximierer, der sich mit viel Kapital und seinen Ellenbogen durchsetzt, habe ausgedient – auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat. „Dann werde ich ja auch ein Schwein“, meinte einmal eine Seminarteilnehmerin. „Nein“, entgegnete der Professor, „es geht um Sinnstiftung, um Authentizität. Gewinne müssen sein, aber die Maximierung des Gewinns als oberstes Ziel ist problematisch, weil es alles andere zweitrangig macht.“

Als der Wirtschaftspädagoge vor mehr als 30 Jahren sein Unternehmensprojekt „Teekampagne“ startete, erntete er viel Gegenwind. „Du bist doch Kaffeetrinker, was verstehst du schon von Tee?“, so lautete ein Argument. Hinzu kam der Widerstand der etablierten Einzelhändler. Was dennoch Sicherheit gab: Durch die Beschränkung auf eine Großpackung und Sorte auf Zeit wurden Aufwand und Kosten gespart – der Darjeeling in Bioqualität als Fair-Trade-Produkt zu einem Drittel des herkömmlichen Preises angeboten. Das Prinzip aus Konzeption, Konzentration und fertigen Komponenten wie etwa die Buchhaltung, die man extern einkauft, vertritt Faltin noch heute: „Jeder kann ein Entrepreneur werden, wenn er auf Arbeitsteilung und die eigenen Stärken setzt.“

Für ihn, aber auch für die KfW ist ein Ende der Talfahrt ohnehin in Sicht. „Der Sog der guten Konjunktur gewinnt Oberhand, und die Gründungsplanungen nehmen zu“, sagt der Volkswirt Georg Metzger. Gute Aussichten für Chancengründer also, die auch in Carrillos Buch den Ton angeben. „Das sind alles mutige Menschen, die sich mit Konzernen schwertun, weil sie nicht nine to five in vorgegebenen Strukturen arbeiten, sondern etwas bewegen wollen“, fasst die Gründerin ihr Buchprojekt zusammen. Ihren Verlag will sie um eine Online-Plattform für Gründer erweitern, das nächste Buchprojekt ist schon in Angriff genommen und die Selbständigkeit der richtige Weg: „Die Entscheidung, den Job aufzugeben, habe ich keine Sekunde bereut, wirklich keine Sekunde.“

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