Karriere? Am liebsten in Deutschland

So gern sie im Urlaub ins Ausland fahren - wenn es um ihren Beruf geht, sind die Deutschen vor allem eines: heimatverliebt.

 

von Julia Löhr

Wenn Roland Hehn, der Personalleiter des hessischen Mittelständlers Heraeus, eine Stelle im Ausland zu besetzen hat, dann staunt er manchmal nicht schlecht. Drei Jahre in Amerika bekommt er noch relativ einfach vermittelt, aber drei Jahre Malaysia? Da wird es schon deutlich anstrengender. „Am liebsten würden die Leute für ein Jahr ins Ausland gehen“, sagt Hehn. Lang genug für ein Abenteuer sei das – aber eben auch kurz genug, um Wohnung und Freunde in der Heimat zu behalten. Je länger die Einsatzdauer, desto schwieriger. Und wenn Mitarbeiter erst mal Kind und Haus haben, wird es nahezu unmöglich, sie in die Ferne zu lotsen.

Wie Hehn ergeht es in letzter Zeit vielen Personalverantwortlichen. Während der Auslandsumsatz deutscher Unternehmen stetig wächst, sinkt die Bereitschaft der Mitarbeiter, dort zu arbeiten, wo die Ware produziert und verkauft wird. Zwar gelten die Deutschen als eines der reisefreudigsten Völker der Welt, doch das sind sie nur dann, wenn es um Urlaub geht. Nach Exotik im Lebenslauf steht dagegen nur wenigen der Sinn, wie eine neue Studie zeigt. Nur 44 Prozent der Deutschen sind willens, im Ausland zu arbeiten, haben die Unternehmensberatung The Boston Consulting Group (BCG) und die Stellenbörse Stepstone in einer Umfrage unter 200 000 Menschen rund um den Globus herausgefunden, darunter 16 000 Befragte aus Deutschland. Die zählen zu den Schlusslichtern im internationalen Vergleich – wobei es prominente Mitstreiter gibt: In Großbritannien sind ebenfalls nur 44 Prozent der Menschen bereit, beruflich ins Ausland zu gehen, in den Vereinigten Staaten gar nur 35 Prozent.

„Mit diesen Ergebnissen haben wir so nicht gerechnet“, sagt Rainer Strack, Senior Partner bei BCG und einer der Autoren der Studie. Vor allem, weil im internationalen Durchschnitt die Bereitschaft für einen Wechsel ins Ausland relativ hoch ist: Über alle Länder hinweg zeigten sich 64 Prozent der Befragten dafür offen. Besonders hoch ist die Bereitschaft mit mehr als 90 Prozent in den arabischen Ländern, aber auch in Frankreich und den Niederlanden bewegt sie sich in dieser Größenordnung. Insbesondere die Haltung der Franzosen erstaunt Strack, er erklärt sie unter anderem mit der schlechten wirtschaftlichen Lage im Land.

Wenn Ausland, dann am liebsten in die Vereinigten Staaten – das ist der Spitzenreiter unter allen Befragten. 42 Prozent der Umzugswilligen rund um den Globus würden gern dorthin ziehen. An zweiter Stelle folgt Großbritannien, weiter geht es mit Kanada und Deutschland. Bemerkenswert: Unter den Top 10 der beliebtesten Länder findet sich keine der Wachstumsnationen aus Asien, krisengeschüttelte Länder wie Spanien und Italien aber schon. Die attraktivste Stadt auf der Welt ist der Umfrage zufolge London, gefolgt von New York, Paris, Sydney, Madrid und Berlin.

Interessant ist auch der Blick auf die Jüngeren, die 21- bis 30-Jährigen. Diese Altersgruppe gilt als aufgeschlossener für einen Auslandsaufenthalt als andere, und so hat es die Studie bei den Amerikanern und Briten auch bestätigt. Anders dagegen das Bild in Deutschland: Hier sind die Jungen schon ähnlich heimatverbunden wie die Älteren. Dass sich an dieser Einstellung etwas ändert, erwartet Strack nicht. Selbst wenn die wirtschaftliche Entwicklung sich abschwächen sollte – Deutschland ist eines der Länder, in denen die Unternehmen den Fachkräftemangel am deutlichsten spüren, was besagte Fachkräfte in die angenehme Lage versetzt, die Wahl zu haben. „Die Chancen, in Deutschland Karriere zu machen, werden eher besser als schlechter“, so Strack.

Viele jüngere Mitarbeiter seien schon während ihres Studiums im Ausland gewesen, sagt Heraeus-Personalchef Hehn, das unterscheidet sie von früheren Generationen, die oft erst durch den Arbeitgeber die Gelegenheit dazu bekamen. Wer aber schon während der Uni ein Jahr Work & Travel in Australien gemacht hat und mit Erasmus in Valencia war, dem ist das häufig genug an Auslandserfahrung. Perfekt Englisch sprechen die meisten inzwischen ohnehin – wozu also noch mal umziehen, noch dazu mit weitaus größerem Hausstand als zu Studienzeiten? „Und da ist noch etwas“, sagt Hehn: „In Deutschland ist es inzwischen normal, dass beide in einer Beziehung arbeiten.“ Doch allenfalls Konzerne mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern seien in der Lage, auch für den Partner im Ausland eine passende Stelle zu organisieren.

Wer nun denkt, dass die Sache innerhalb Deutschlands einfacher ist, der täuscht sich. „Auch hier ist die Bereitschaft zu einem Umzug zurückgegangen“, berichtet Christoph Kleinen, Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles, die im Auftrag von Unternehmen Führungskräfte sucht. Familie, Freunde, Hobbys – all das ist vielen heute wichtiger als der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Bislang wird diese Einstellung vor allem der vielzitierten Generation Y zugeschrieben, den nach 1980 Geborenen, aber Kleinen beobachtet sie inzwischen auch bei Älteren. Die störten sich zwar an den veränderten Prioritäten der Jungen. Aber nach dem zweiten Glas Rotwein sagten sie auch: Eigentlich machen die es ja richtig.

Der Frankfurter Headhunter zählt nicht zu denen, die über diese Entwicklung klagen, auch wenn sie für ihn Mehrarbeit bedeutet, weil sich die Suchprozesse oft über viele Monate hinziehen. Natürlich fände er es schön, wenn die Kandidaten flexibler wären, aber auch die Unternehmen sieht der Berater in der Pflicht. Das gilt insbesondere für Mittelständler in ländlichen Gegenden. Noch immer besteht so mancher Seniorchef darauf, dass eine Führungskraft nicht aus der nächsten Großstadt pendelt, sondern am Arbeitsort lebt – und das auch nicht allein, sondern mit der Familie. Doch bei solchen Vertragsklauseln winken inzwischen viele Kandidaten ab.

Die Unternehmen spüren, dass sich etwas verändert, aber sich selbst zu verändern, dazu sind erst wenige bereit. Doch es gibt diese Beispiele, vor allem im Dienstleistungsbereich: Unternehmensberatungen stellen dem Nachwuchs die Wahl des Heimatbüros längst frei – von wo ein Berater zum Kunden fliegt, ist schließlich egal. Alle großen Werbeagenturen verfügen inzwischen über Büros in Berlin, nicht etwa, weil es dort so viele Aufträge gäbe, sondern weil viele der dringend benötigten Digitalspezialisten einzig und allein dort arbeiten wollen. Aber auch ein eher traditionelles Unternehmen wie der Armaturenhersteller Grohe kommt den Wünschen der Mitarbeiter entgegen: Vorstand, Designer und große Teile der Verwaltung sind seit einiger Zeit nicht mehr am Firmensitz im sauerländischen Hemer stationiert, sondern in einem eigens angemieteten Glaspalast mitten in der Düsseldorfer Innenstadt.

„Wir werden die Entwicklung nicht umdrehen können“, sagt Heraeus-Mann Hehn – also nimmt er es in Kauf, dass mancher Mitarbeiter des Edelmetallunternehmens montagmorgens dreieinhalb Stunden von München aus nach Hanau pendelt, donnerstagabends zurückfährt und freitags Homeoffice macht. Und was das Ausland angeht, versucht Hehn es jetzt mit dem umgekehrten Weg: Mitarbeiter vor Ort einstellen, die dann für eine gewisse Zeit in die Zentrale nach Deutschland entsandt werden.

 

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