Nehmen Sie Taxi-Kinder ernst und mit Humor

Manche Leute glauben, dass Knigge-Trainer zum Lachen in den Keller gehen. Das mag einerseits an der förmlichen Strenge liegen, mit der einige dem Thema mehr Bedeutung geben wollen – andererseits bedient die Annahme das uralte Vorurteil, gutes Benehmen sei eine Sache für ältere Leute. In Wahrheit sind Manieren der Hidden Champion im Wettrennen um die begehrtesten Stellen und geben nicht selten den letzten Ausschlag, für welche Bewerbung sich eine Firma entscheidet. Höchste Zeit also, umzudenken und dem Social Topic Nummer 1 Aufmerksamkeit zu schenken.

Im besten Fall wird die Wertschätzung gegenüber anderen Menschen, die „Eleganz des Geistes“ wie ich es nenne, ein integrativer Bestandteil der Persönlichkeit – im ungünstigsten Fall Teil einer kalkulierten Verhaltensstrategie gegenüber Freunden, Kollegen und Chefs. Aber auch das ist allemal besser als die gedankenlose Unhöflichkeit, die uns im Alltag öfter begegnet als uns lieb ist. Dabei ist klar, dass die klassischen Bewerbungsverfahren Schriftform – Einladung – Bewerbungsgespräch moderneren Vorgehensweisen weichen. Diese Entwicklungen legen aber nur noch mehr Fokus auf das alles entscheidende persönliche Gespräch von Mensch zu Mensch wie etwa am Telefon, in Videokonferenzen oder bei Interviews via Skype.

Während der Sinn von gesellschaftlichen Spielregeln nicht infrage stehen sollte, wirft die Umsetzung allerdings manchmal Fragen auf, und dies immer mehr, je internationaler wir und das Geschäftsleben werden. Denn gutes Benehmen hat viel weniger mit der Technik, einen Hummer zu zerlegen, zu tun als mit der Fähigkeit, die Augen zu öffnen und über die eigene Nasenspitze hinaus zu denken. Nur wer auch registriert, dass der Bus mehr Fahrgäste als Sitzplätze hat, kann seine Tasche vom Nebensitz wegnehmen ohne dazu aufgefordert zu werden. Nur wer das Signal einer geschlossenen Zimmer- oder Bürotür respektiert, klopft an und wartet die Reaktion ab, bevor er eintritt. Und nur wer sich für den anderen interessiert, wird auch ein guter Zuhörer sein. Die Hitliste der trainingswürdigen Benimm-Regeln in beruflicher Hinsicht rankt sich vielmehr um alltägliche Gesten wie den sympathischen Händedruck, Begrüßen und Einander-Vorstellen, Small Talk und natürlich den Dresscode: Denn Kleidung ist eine Sprache und drückt neben dem persönlichen Stil in erster Linie auch den Wert aus, den ich dem Gespräch, seinem Umfeld und dem Anlass beimesse.

Neue Generation – neuer Stil

Und spätestens beim Nachdenken über den zeitgemäßen Umgang mit Duzen / Siezen kommen wir an eine nicht zu unterschätzende Feinheit im täglichen Miteinander: Die Befindlichkeit der Generationen. Jetzt ist die Zeit, in der die ersten Jahrgänge der so genannten Taxi-Kinder in den Unternehmen ankommen, deren Eltern Chauffeur-Dienste von der Schule zum Musikunterricht und von dort zu Fußball oder Ballett geleistet haben. Laura, Jan, Lukas, Sarah und Tim – die beliebtesten Namen ihres Jahrgangs – können selbst kaum etwas dafür, dass sie große Aufmerksamkeit für ihre Person für etwas ganz Natürliches halten.

Nun, im Geschäftsleben aber treffen sie auf die Kinder der geburtenstarken Jahrgänge, in denen der einzelne nicht so wichtig war. Sabine, Thomas, Michael und Claudia – ihrerseits beliebteste Namen eines Jahrgangs dreißig Jahre früher – empören sich oft über das Selbstverständnis, mit dem sich junge Erwachsene Rechte herausnehmen und Meinungen äußern – und verlieren darüber den eigenen Humor.

Gegenseitiger Respekt erfordert Regeln

Die Reihenfolge der Lehr-Einheiten des Lebens scheint umgekehrt: Die Eltern-Generation, welche derzeit in den Unternehmen Entscheidungen fällt, musste sich das Selbstbewusstsein im Beruf erarbeiten. Dafür hat sie noch mehr von dem mitbekommen, was der Volksmund Kinderstube nennt. Die nachwachsende Generation aber tritt nun an, reichlich ausgestattet mit Selbstbewusstsein, muss die Finessen des Umgangs aber oft noch lernen. Knigge – und was er im Sinn hatte – lagen starre Vorschriften fern. Modern interpretiert, liefert er aber bis heute Anleitung für ein Zusammenleben und -wirken mit Wohlfühlcharakter.

Das Gespräch zwischen Thomas und Laura, Michael und Tim oder auch Claudia und Muhammad verlangt in erster Linie Respekt für den anderen, Bewusstsein für den Wandel der Zeit und Sensibilität im Kontakt miteinander. Die junge Generation ist vielleicht viel besser als ihr Ruf – sie braucht nur Klarheit und Grenzen. Aber auch Raum genug für unendliche Ideen, sonst gehen diese der Wirtschaft verloren. Die Best-Ager-Generation ist ebenfalls besser als ihr Ruf – sie braucht nur Achtung für die Leistung, die sie bisher erbracht hat. Dann kommen deren Arbeitgeber und die jüngeren Kollegen in den Genuss ihrer Erfahrung. Wenn das gelingt, ist auch wieder Platz für Neugier auf alles, was aus dem Generationengemisch  entsteht. Und dann muss  auch im Geschäftsalltag niemand zum Lachen in den Keller gehen.