Was Martin Luther und Elon Musk gemeinsam haben

Für deutsche Vorstandschefs interessieren sich auf Google nicht viele - und wenn, dann oft aus falschen Gründen

Ein Vergleich kann helfen, Dinge in Perspektive zu setzen. Vorstandsvorsitzende könnten sonst dem Irrtum erliegen, die Welt drehe sich um sie. Matthias Müller von Volkswagen zum Beispiel könnte meinen, ein jeder rede nur über den Diesel-Skandal und Fahrverbote. Und Carsten Spohr, der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, könnte dem Irrtum unterliegen, die Übernahme von Air Berlin, der Streit um hohe Ticketpreise oder sein neues Vielfliegerprogramm seien ein beherrschendes Thema. Die Wahrheit ist: Für deutsche Unternehmenslenker interessieren sich die Menschen kaum – und wenn, dann häufig aus Gründen, die den Betroffenen nicht lieb sind.
Wenn es einen Chef gibt, der im zu Ende gehenden Jahr die Menschen wirklich interessiert hat, dann ist das der amerikanische Manager Elon Musk. Woran man das erkennen kann? Nach dem Namen des Vorstandsvorsitzenden des amerikanischen Elektroautoherstellers Tesla ist in den vergangenen zwölf Monaten viel häufiger gesucht worden als nach den deutschen Automanagern Müller, Dieter Zetsche von Daimler oder Harald Krüger von BMW.

Um diese Rangliste der meistgesuchten Manager entstehen zu lassen, hat der Internetkonzern Google für diese Zeitung ausgewertet, wer in der Suchmaschine das meiste Interesse auf sich gezogen hat. Dabei wurden zum einen die Suchanfragen zu den Namen der Vorstandschefs der Unternehmen herangezogen, die mit ihren Aktien im Aktienindex vertreten sind. Zum anderen wurde eine von der Redaktion zusammengestellte Vergleichsliste genutzt, die überraschende Ergebnisse geliefert hat: Denn hinter Martin Luther verblassen zum 500. Jahrestag der Reformation alle.

Luther hat viel mehr mit Geld und der Welt der Wirtschaft zu tun, als man annehmen könnte. Zum einen ging es in seinem Kampf gegen den Ablasshandel der Kirche eindeutig um Geld. Das Geschäft „Seelenheil gegen Bares“ ging für ihn nicht auf. Hinzu kommt seine Ethik des Wirtschaftens, dass nämlich – verkürzt dargestellt – jeder für sich im Gespräch mit Gott, mit anderen Christen und der Bibel einen Maßstab seines wirtschaftlichen Handelns nach dem Kriterium „Was nützt es dem Nächsten?“ entwickeln muss. Das ist ein Ratschlag, den der eine oder andere Manager von heute durchaus beherzigen sollte, wenn er weniger negative Schlagzeilen produzieren möchte. Und natürlich darf der Blick auf die Bauernkriege nicht fehlen, die von wirtschaftlichen Ansinnen der Aufständischen mitbestimmt waren, die Luther aber nicht überzeugten: Am weltlichen System von oben und unten wollte er nicht rütteln.

Weil das so ist, gibt es bis heute Manager, die Menschen faszinieren – und andere, die sie nur interessieren, weil sie oder ihre Vorgänger sich nicht so verhalten haben, wie es höchsten ethischen Standards entsprechen würde. Und Faszination geht dabei eben kaum von deutschen Vorstandsvorsitzenden aus, sondern vom Tesla-Chef Musk. Dessen Unternehmungen rund um die Mobilität auf der Erde und im All sieht mancher kritisch. Aber er schafft es, zum Synonym für die Zukunft zu werden – auch wenn die Zahl der Autos, die Tesla in der harten Realität der Gegenwart baut, homöopathischen Dosen entspricht. Das trifft jedenfalls im Vergleich zu deutschen Vorstandsvorsitzenden von Wettbewerbsunternehmen zu.

Und so kommt Luther auf einen für andere unerreichbaren Google-Suchindexwert von 100. Elon Musk immerhin schafft eine sehr ordentliche 28,68 – und VW-Chef Müller findet sich unverhofft mit dem Wert von 4,79 als erster deutscher Dax-Manager auf Platz vier dieser Liste. Immerhin versucht VW seit einiger Zeit, aus der Diesel-Skandal-Defensive zurück in die Kommunikations-Offensive zu kommen: Es werden verbale Brücken hin zur Elektromobilität gebaut und sogar ein Kampf mit der Kundschaft begonnen, wenn Müller die Art und Weise hinterfragt, wie in Deutschland der Dieselkraftstoff derzeit steuerlich behandelt wird. Schlechte Nachrichten sind es auch, die dem Siemens-Chef Joe Kaeser einen Platz auf den vorderen Rängen verschaffen (Platz sieben mit 1,42 Index-Punkten). Für Spohr von der Lufthansa gilt Ähnliches, der es aber trotz Air Berlin nur auf einen achten Platz bringt (mit 1,12 Punkten). Die Suchanfragen nach Kaeser dürften vor allem in den vergangenen Wochen noch einmal einen großen Schub bekommen haben. Denn die Schließungspläne und der angestrebte Personalabbau in der Kraftwerksparte haben in Deutschland auch politisch hohe Wellen geschlagen. Und wenn einem Manager von einem führenden Politiker wie dem SPD-Vorsitzenden Martin Schulz in beinahe lutherischem Furor vorgeworfen wird, er handle „asozial“, von dem möchten viele Menschen dann doch den Namen wissen. In diesem Fall lautete der Name eben Kaeser.

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So zeigt sich, dass schlechte Nachrichten immer Interesse auf sich ziehen, aber man machte es sich zu einfach, bezöge man die Erkenntnisse der Rangliste nur auf diesen Punkt. Ganz im Gegenteil zeigt der Blick auf Luther, dass der Öffentlichkeit zum einen nicht jeder Tiefgang verlorengegangen ist. Zum anderen sind andere Namen, die auf der Liste ganz oben zu finden sind, auch der Beweis dafür, dass die Menschen durchaus Lust auf Zukunft und auf Menschen haben, die aus ihrer Sicht im positiven Sinne etwas bewegen – eben so wie einst Luther.
Frank Thelen zum Beispiel ist ein deutscher Gründer und Investor, dessen Indexwert von 8,48 (auf Platz drei) nicht nur zeigt, welchen großen Erfolg der Fernsehsender Vox mit seiner Gründershow „Die Höhle der Löwen“ hatte, sondern auch, dass man wissen will, was da für einer in der Jury sitzt, der selbst mit pfiffigen Ideen ganz offensichtlich Erfolg hat – einer wie Thelen eben. Für Tim Cook, den Vorstandsvorsitzenden von Apple (mit 2,34 Indexpunkten auf Rang fünf) gilt Ähnliches: Hier darf man unterstellen, dass es den Menschen, die nach seinem Namen suchen, weniger um den Steuerstreit mit der Europäischen Union geht als um seine Produkte und Ansichten zur Zukunft der Technik.

Und auch der Daimler-Chef Dieter Zetsche darf für sich in Anspruch nehmen, nicht in erster Linie wegen der Diesel-Fahrverbote gesucht zu werden, sondern vor allem wegen des Erfolgs seiner aktuellen Modellpalette, die Daimler im Konkurrenzvergleich längst wieder gut dastehen lässt. Denjenigen, die Fußball für eine Ersatzreligion halten – und glauben, die Welt sei ein Ball -, sei ein Blick auf das untere Ende der Liste empfohlen. Dort findet sich in der Zusammenstellung der Name von Hans-Joachim Watzke, des Geschäftsführers des börsennotierten Fußballvereins Borussia Dortmund, mit einem Indexwert von 0,02. Ob das an seinem Ego kratzt? Vermutlich nicht, wenn er sich in diesem Vergleich schon mit Luther messen lassen durfte.

Carsten Knop

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