Frauenquote in Frankreich: Willkommen in der Beletage

Etliche deutsche Managerinnen haben sich in die Machtzirkel französischer Konzerne vorgearbeitet.

Warum sind sie dort so gefragt?

Von Tillmann Neuscheler

Die Nachricht schlug im Frühjahr ein wie ein Blitz: Der französische Autokonzern PSA Peugeot-Citroën kauft den deutschen Autohersteller Opel. In dessen Zentrale in Rüsselsheim hoffen nun viele Opelaner, dass die Franzosen künftig mehr Gespür für die Probleme der deutschen Traditionsmarke mitbringen als der bisherige Eigentümer General Motors. Dazu beitragen könnte auch eine deutsche Managerin: Pamela Knapp, einst im Siemens-Vorstand, sitzt für die französische Seite mit am Tisch, wenn über die weitere Zukunft von Opel entschieden wird. Schon vor sechs Jahren wurde sie in den Verwaltungsrat des französischen Autoherstellers berufen.

Frauenquote: Deutsche Managerinnen sind in Frankreich gefragt.

Pamela Knapp war damit Vorreiterin, ist aber längst nicht mehr allein. In französischen Großkonzernen sind erstaunlich viele deutsche Frauen auf wichtige Posten vorgerückt. Zwar nicht in die allererste Reihe in den Vorstand, wo immer noch die Männer dominieren, aber oft in die Verwaltungsräte, die in Frankreich mächtiger als die deutschen Aufsichtsratsgremien sind.

Der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus hat im vergangenen Jahr Claudia Nemat von der Telekom in den Verwaltungsrat geholt, fast zur selben Zeit berief der französische Brillenglas-Konzern Essilor den Commerzbank-Vorstand Annette Messemer. Im Aufsichtsrat des Joghurt-Herstellers Danone sitzt Bettina Theissig, beim Gashersteller Air Liquide Daimler-Managerin Annette Winkler. Auch Accor, Valeo, Engie und BNP Paribas haben in den vergangenen Jahren deutsche Managerinnen in ihre Verwaltungsräte berufen.

Der Aufstieg der deutschen Managerinnen in Frankreich ist zum Teil der Frauenquote geschuldet: Schon vor sechs Jahren und damit früher als in Deutschland hat die französische Nationalversammlung eine Quote für Verwaltungs- und Aufsichtsräte eingeführt. Heute ist für die Kontrollgremien in Frankreich eine Mindestquote von 40 Prozent für beide Geschlechter vorgeschrieben. Deutschland hat zwar nachgezogen und ebenfalls eine Frauenquote für Aufsichtsräte beschlossen, aber sie liegt niedriger, bei 30 Prozent. Weil das französische Gesetz empfindliche Sanktionen bei Verstößen vorsieht, suchen die französischen Unternehmen seit Jahren qualifizierte Frauen, um Strafzahlungen zu entgehen.

Bei der Suche haben sich die Unternehmen von Personalberatern helfen lassen: „Schlagt uns bitte nur noch Frauen vor“, bekam so mancher Headhunter zu hören. Die Ausgangslage? Schwierig. Nicht ganz zu Unrecht wurde den französischen Eliten lange eine „Inzucht-Neigung“ unterstellt; gerne blieb man unter sich. Tatsächlich hatten Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young vor Einführung der Frauenquote berechnet, dass 98 Personen 43 Prozent der Stimmrechte der 40 größten Unternehmen auf sich vereinen. In den Großkonzernen schafften es Frauen selten in die obersten Führungsetagen. Zwar sind in Frankreich traditionell viele Frauen berufstätig, auch in gehobenen Angestelltenpositionen sind sie noch gut vertreten, aber die Chefposten in der Wirtschaft machten die Männer lange Zeit unter sich aus.

Mehr internationale Expertise

Doch plötzlich brauchte man Frauen. „Es gab anfangs nur wenige Französinnen mit langjähriger Management-Erfahrung, die für den Aufsichtsrat notwendig ist“, sagt der französische Headhunter Bertrand Richard von der Personalberatung Spencer Stuart, dessen Unternehmen mehrere deutsche Frauen in französische Verwaltungsräte vermittelt hat. Die Headhunter hätten sich daher in anderen Ländern umgesehen, etwa Spanien, Italien, vorzugsweise aber in Deutschland. Weil die Bundesrepublik der wichtigste Handelspartner für Frankreich ist, suchten viele französische Konzerne auch mehr Deutschland-Expertise. Die Frauenquote zu erfüllen haben sie daher gleich mit einer zarten Germanisierung verknüpft.

Internationale Expertise ist gefragt

„Die französischen Unternehmen sind bei der Suche geeigneter Frauen sehr strukturiert vorgegangen“, erzählt Pamela Knapp, „in meinem Fall suchten sie eine Nichtfranzösin, die Erfahrung als Finanzvorstand in der Industrie mitbringt; da gibt es nur wenige.“ Weil in französischen Verwaltungsräten Französisch und nicht Englisch gesprochen wird, sollten Aspirantinnen die Sprache beherrschen.

Die Aufsichtsrats- und Verwaltungsratsgremien französischer Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Als die frühere Commerzbank-Vorstandsfrau Annette Messemer vor gut einem Jahr ihre Arbeit für den Brillenglas-Konzern Essilor begann, war sie beeindruckt: „Die Aufsichtsräte von Essilor sind alle international geländegängig“, sagt die 52-Jährige. Tatsächlich sind die Aufsichtsratsgremien in Deutschland laut einer Untersuchung der Personalberatung Spencer Stuart weniger international besetzt als die französischen. Zwar sitzen auch in deutschen Großkonzernen einige Französinnen im Aufsichtsrat, etwa Sophie Boissard bei der Allianz und Pascale Witz bei Fresenius Medical Care. Aber es sind nicht so viele wie andersherum.

Traditionen spielen in Frankreich bei der Besetzung von Spitzenposten allerdings weiterhin eine wichtige Rolle. So spielte Annette Messemer in die Karten, dass sie ähnlich geprägt ist wie die französische Elite: Studiert hat die gebürtige Ludwigshafenerin nicht nur in Bonn, sondern auch an der prestigeträchtigen Kaderschmiede Sciences Po in Paris. „Ich gehe als Französin durch“, sagt die Bankerin. Dass ihr Erfolg auch der Frauenquote geschuldet ist, ficht sie nicht an. Die Quote sei schlicht Ausdruck eines notwendigen Veränderungsprozesses. Wer nicht hervorragend qualifiziert sei, habe auch als Frau keine Chance. „Die Quote ist es nicht allein“, sagt Messemer, das zeige sich auch darin, dass es viele deutsche Frauen auch in die einflussreichsten Ausschüsse der Verwaltungsräte geschafft hätten, für die es keine Quotenvorgaben gebe.

Welch starke Position Frauen in den Aufsichtsräten mittlerweile einnehmen, zeigt sich auch im neuen Berufsbild der „Multi-Aufsichtsrätin“. Während bei Männern die Postenhäufung immer seltener wird, steigt bei Frauen die durchschnittliche Zahl der Aufsichtsratsmandate. So sitzen etwa Ann-Kristin Achleitner und Pamela Knapp in je vier verschiedenen Gremien. Anders als früher stehen die neuen Multi-Aufsichtsräte aber nicht mehr als Synonym für die alte, in sich verflochtene Deutschland AG. Die Frauen schlagen vielmehr Brücken in andere Länder.

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