Knigge: „Mit der Begrüßung sollte man keine Spielchen treiben“

Moritz Freiherr Knigge über Donald Trump, Emmanuel Macron und das Händeschütteln

Wie begrüßt man laut Knigge

Herr Knigge, seit Donald Trump Präsident ist, hat der Handschlag eine politische Bedeutung bekommen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nannte den dominanten Griff, mit dem er Trump begrüßte, einen „Moment der Wahrheit“. Ist er das?
Zunächst einmal ist der Handschlag als Begrüßungsritual in unserer Kultur sehr wichtig. Das merkt man schon an Redewendungen wie „die Hand reichen“ oder „die Hand ausschlagen“. Da gab es ja auch den Moment, in dem Trump Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht die Hand gereicht hat, obwohl er dazu aufgefordert wurde. Ungeheuer unhöflich. Im normalen Leben würde ich einen Handschlag zur Begrüßung aber nicht „Moment der Wahrheit“ nennen, das ist doch sehr überzogen.

Aber hat der Handschlag unter Politikern oder Managern nicht doch eine andere Bedeutung, gerade vor wichtigen Verhandlungen?Das stimmt, deswegen ist Macrons Einschätzung berechtigt. Es werden Spielchen mit der Begrüßung getrieben, das habe ich selbst schon erlebt. Ich habe einen bekannten deutschen Manager, der auch viel mit Politikern zu tun hat, sogar mal darauf angesprochen und ihm gesagt, dieses Auftreten ist sehr unhöflich. Er sagte, das könne sein, aber in Berlin gelten andere Regeln. Für mich ist das keine Entschuldigung. Die Begrüßung hat eine wichtige Bedeutung, damit sollte man keine Spielchen treiben.

Emmanuel Macron ist beim G-7-Gipfel auf Trump zugelaufen und erst in letzter Sekunde zu Merkel abgebogen.
Das war wiederum ein Spiel von Macron. Trump hat sich darauf eingelassen: Er hat danach versucht, Macron beim Händeschütteln zu sich zu reißen. Trumps Auftreten ist insgesamt furchtbar. Haben Sie gesehen, wie er Montenegros Premier zur Seite geschoben hat, um in der ersten Reihe zu stehen? Unmöglich. Aber man sollte gar nicht zu viel darüber reden, er macht sich von allein lächerlich.
Trump scheint seinem Gegenüber manchmal fast den Arm abzureißen.
Das ist tatsächlich weniger ein Gruß als ein Spiel. Trump reißt die Leute an sich heran, wie ein kleiner, trotziger Junge. Dabei sagt man mit einem Handschlag eigentlich: „Ich bin ein Mensch. Du bist ein Mensch.“ Und dann kann es weitergehen. Es gibt wichtigere Dinge als den Handschlag.

Es gibt Menschen, die den Handschlag aus hygienischen oder religiösen Gründen verweigern. Was halten Sie davon?
Es kommt darauf an, wie man das kommuniziert. Wenn man freundlich erklärt, warum man sich dabei unwohl fühlt, jemandem die Hand zu geben, wäre es unhöflich, auf dem Handschlag zu bestehen. Die Kulturen sind einfach ganz unterschiedlich. Ein Freund von mir war einmal im Urlaub und wurde von einem Führer in der Wüste nachts an die Hand genommen. Ihm war das zuerst unangenehm, weil das bei uns ganz unüblich ist, aber nach einer Weile hat er es als extrem höflich wahrgenommen.

Ist Küsschen-rechts-Küsschen-links zu aufdringlich beim Kennenlernen?
In Deutschland ist das noch zu viel, aber wir kommen dem langsam näher. Mein Vater hat seinen Freunden noch die Hand gegeben, ich umarme meine Freunde heute. Es wird mehr geküsst als vor 30 Jahren, aber die klassische Begrüßung bleibt das Händeschütteln. Ganz schlimm finde ich es, wenn Männer eine ausgestreckte Hand zurückweisen mit dem Hinweis: Ladies first bitte. Das ist eine unhöfliche Zurechtweisung, und man benutzt eine Frau als Objekt für das Angeben mit der eigenen Etikette. Meine Grundregel ist: Gehe an keiner ausgestreckten Hand vorbei, egal welches Geschlecht oder welchen Rang mein Gegenüber hat.

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