Mach mal kreative Pause

Mittagspausen sind mehr als die Abwesenheit von der Arbeit.

Wer sie intelligent gestaltet, lebt gesünder und wird leistungsfähiger.

Von Uta Jungmann


Ab in den Rhein, das Fischli, den Plastiksack für Kleider und Handy, unter den Arm gepackt, und sich vom Fluss an der Altstadt einfach treiben lassen: An sommerlichen Werktagen vergnügen sich so Hunderte Menschen zur Mittagszeit in Basel. Darunter Aurel Bachmann, der Geschäftsführer einer Confiserie: „Nach ein paar Metern ist der Kopf frei“, berichtet der Betriebswirt. „Danach zum Grillstand am Ufer – einfach perfekt“. Selbst Manager des Schweizer Pharmaherstellers Roche zieht es ins Nass. Und das mit Unterstützung ihres Arbeitgebers: „Alle Mitarbeiter am Standort Basel bekommen am ersten Tag einen Schwimmsack geschenkt“, sagt Konzernsprecher Karsten Kleine, „im Sinne des Gesundheitsmanagements“.

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In und am Fluss erfüllt die Mittagspause einen Zweck, der die strengen Vorgaben von Laura Venz erfüllt: „Für den Erholungswert ist entscheidend, Abstand zu gewinnen“, sagt die Expertin vom Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Mannheim. Schließlich gehe es in der kurzen Zeitspanne darum, die Aufmerksamkeit an etwas zu binden, was einen dazu bringt, nicht an Arbeit zu denken. Aktuellen Studien zufolge sorge der Aufenthalt am Wasser für die größte Entspannung – dicht gefolgt von dem im Grünen, etwa im Park. Liegt das Büro mitten in der Stadt, hilft sogar der Blick auf Zimmerpflanzen. Der Hamburger Großversender Otto hat deshalb einen Aufenthaltsbereich mit Küche und Mikrowelle im Stil eines Gartenhauses gestaltet – zum Durchatmen, falls schlechtes Wetter eine Rast draußen hindert.

In Wiesbaden freut sich Rolf Gaydoul, Trainings- und Schulungskoordinator beim Pharmahersteller AbbVie, indes einfach auf den regelmäßigen Gang zum Essen. „Man kommt mal weg vom Schreibtisch und trifft Leute aus anderen Abteilungen“, sagt er. Dabei gelingt es in Unterhaltungen mit Kollegen, abzuschalten. Oft trinkt er mit ihnen noch einen Kaffee auf der Dachterrasse, läuft mit ihnen zehn Minuten um den Block oder spielt mit einigen am hauseigenen Kicker. „Für viele ist das schon genug Erholung, wenn sie beim Essen entspannen und sich hinterher die Beine vertreten können“, bestätigt Psychologin Venz. „Maßgeblich ist, den Ort zu wechseln; zudem hilft gute Kost beim Abschalten.“

Vorausgesetzt, das Mahl erfolgt in Ruhe. „Das Problem ist meist die Zeit“, sagt Harald Seitz vom Bundeszentrum für Ernährung. „Dauert das Anstehen in der Kantine lange, müssen viele hetzen und schlingen ihr Essen hinunter.“ Besser sei es dann, nur eine kleine Portion zu wählen, für später einen Salat mitzunehmen oder einen Spaziergang gleich mit einem Imbiss zu verbinden. Ernährungswissenschaftlerin Silke Willms von der Krankenkasse DAK warnt davor, beim Mittagstisch Whatsapp-Nachrichten zu beantworten: „Wer ständig aufs Handy schaut, macht das Essen zur Nebensache.“ Derart abgelenkt, werde der Sättigungspunkt schnell verpasst und zu viel verspeist.

Gedanken lösen

Dienstliches oder Geschäftliches gehören ebenfalls nicht auf den Tisch. „Mit Pause ist nicht gemeint, das Büro in die Kantine zu verlegen“, sagt Arbeitspsychologin Venz. Die Kollegenrunde von Rolf Gaydoul bekommt das oft hin. „Wir sprechen beim Essen wenig von der Arbeit, lieber erzähle ich vom Mountainbiken oder davon, wie weit der Einbau der Küche gediehen ist“, sagt Trainer Gaydoul.

Anders löst seine Kollegin Susi Gölz ihre Gedanken. Die Assistentin der Geschäftsführung braucht zwischendurch Bewegung. Dafür besucht sie zweimal die Woche mittags verschiedene Gymnastikkurse im hauseigenen Übungsraum, gegen eine geringe Gebühr. „Es tut mir gut, bei den Sit-ups Dampf abzulassen oder beim Yoga an nichts zu denken“, sagt sie. „Statt ins Nachmittagstief zu fallen, gehe ich wieder mit Schwung an die Arbeit.“ Dank einer flexiblen Pausenregelung und kurz getakteten Sporteinheiten bleibt ihr auch noch genug Zeit zum Essen. „Aus der Belegschaft kam der Wunsch nach Bewegungs- und Entspannungsangeboten sowie der, die Mittagszeit dafür nutzen zu können“, sagt AbbVie-Betriebsarzt Andreas Erb. „Deshalb haben wir alltagstaugliche Kursblöcke eingerichtet, mit 20 Minuten je Einheit, und nahe am Arbeitsplatz.“ Gut genutzt, hätten die Angebote ihren Teil zu einem Plus an Gesundheit in der Belegschaft beigetragen.

Doch nicht nur Essen oder Bewegung helfen dabei, Abstand zu gewinnen. „Je nach Typ und Laune wechseln die Vorlieben auch“, sagt Psychologin Venz. Lesen die einen nach Tisch lieber die Schlagzeilen des Tages oder malen ins Notizbuch, ist es für andere erholsam, sich auf etwas Neues zu konzentrieren: Etwa darauf, Vokabeln mittels einer Sprach-App zu lernen. Der Reiz daran sei dann für viele, eine Herausforderung zu meistern und etwas völlig anderes als am Schreibtisch zu machen, wie Venz sagt.

Gleich ganz auf Gripsgymnastik verlegt haben sich die zehn Teilnehmer des Kurses „Über Kreuz“ im Gesundheitsstudio des Technologie-Unternehmens Freudenberg. Sie spielen etwa Bechertennis in verschärfter Form: Auf Kommando werfen und fangen sie Tischtennisbälle rechts oder links – je nachdem, ob für den linken Becher ein Städtename wie London oder für den rechten ein Ländername wie England angesagt wird. Das Dual-Tasking soll nicht nur zur Ausbildung neuer Synapsen im Gehirn führen. „Vor allem sollen die Leute das Kind in sich rauslassen“, sagt Kursleiter Oliver Schneider. „Nach dem Motto , Lacht mit und über euch‘.“ Für den Alltag bringen solche Übungen mehr innere Ruhe und Gelassenheit, gerade in stressigen Situationen, haben viele Teilnehmer nach einem halben Jahr berichtet.

Eine andere Lösung für mehr Zerstreuung in seinen Pausen hat Matthias Monnse gefunden. Der Geldwäsche-Analyst im Bereich Compliance der Targobank in Düsseldorf weicht manchmal von seiner üblichen Tischrunde ab und lernt neue Leute kennen. Dafür nutzt er das „Salut“-Programm der Bank: Ein Zufallsgenerator lost ihm dabei bis zu drei Kollegen aus anderen Bereichen für ein gemeinsames Mittagessen zu. „Für das einstündige Treffen gehen wir meist nach draußen, in ein interessantes Lokal“, sagt Monnse. „In fünf Minuten ist dort durch, was wir im Büro machen, danach geht es um Hobbys und Reisen.“ Rund siebenmal hat er bisher mitgemacht, und sich mit manchem Salut-Partner wieder verabredet. „Ich treffe auf Leute aus jeder Abteilung, jeden Alters, teils kenne ich sie noch nicht einmal vom Sehen“, lobt Monnse. „So kann ich über den Tellerrand schauen, bekomme neue Anstöße und genieße die kleinen Ausbrüche aus dem Alltag.“ Der Geldwäsche-Analyst entwickelt auch einen guten Draht zu anderen Bereichen. „Der persönliche Kontakt ist immer schneller und wertvoller als der per Telefon“, sagt er. „Da ist es später einfacher, sich an jemanden mit einer fachlichen Frage zu wenden“.

Freiraum schützen

Zeit für sich sucht hingegen seine Kollegin Yvonne Jahncke in ihrer Pause. Die Produktmanagerin verzichtet meist auf die Kantine, geht allein oder mit einer Kollegin spazieren und isst ein Brötchen. „Ich esse abends warm“, sagt sie. „Mittags bin ich lieber an der frischen Luft, bei Wind und Wetter, um auf ein paar klare Gedanken zu kommen.“ Noch besser erholt sich Yvonne Jahncke, seit sie an einem Kurs zur aktiven Arbeitsunterbrechung teilgenommen hat. „Mit einfachen Übungen im Park haben wir gelernt, den vom Sitzen verspannten Nacken zu entlasten und müde Augen zu entspannen“, schildert sie. Die Tipps helfen ihr seither durch den Tag. Doch am meisten fördert der Freiraum in ihrer Auszeit für die Produktmanagerin den inneren Ausgleich. „Ich will entscheiden, was ich in der Pause mache“, sagt sie. Psychologin Venz hat dafür viel Verständnis: „Die eigene Kontrolle darüber erhöht oder senkt den Erholungswert ebenfalls maßgeblich.“ Wer lieber auf der Parkbank sein Sandwich isst statt Chef und Kollegen in die Kantine zu folgen, stößt freilich nicht überall auf Verständnis. Mit Blick auf die Teamzugehörigkeit und den Informationsfluss empfiehlt Venz, im Zweifel einmal die Woche mit den anderen essen zu gehen und darüber zu reden, wieso es einem so wichtig ist, mittags die halbe Stunde draußen zu verbringen.

Ob in der Kantine, im Park oder beim Rückenkurs – wie leistungssteigernd nach den eigenen Vorlieben gestaltete Pausen sind, hat die Forschung immer wieder gezeigt. „Wer lernt, regelmäßig und bewusst Pausen zu machen, schafft im Endeffekt mehr, ist zufriedener und lebt gesünder“, sagt Jörg Busam, der Leiter Sozialdienste bei Beiersdorf. Der Hamburger Konzern bietet Mitarbeitern zum Entspannen etwa eine Meditationsgruppe oder Phantasiereisen an. Doch trotz aller wohlmeinenden Angebote: Viele Leute verzichten oft auf ihre Auszeit und essen nebenher am Computer. Rund ein Drittel der Beschäftigten fürchtet, sonst das tägliche Arbeitspensum nicht zu schaffen, offenbart eine Studie der Krankenkasse Pronova-BKK.

Wer regelmäßig auf Pausen und seinen Freiraum verzichtet, tut sich damit aber keinen Gefallen, wie die Folgen von mangelnder Erholung und Entspannung zeigen: Millionen Deutsche haben Schlafprobleme, und die Zahl der Fehltage wegen psychischer Störungen ist nach Angaben der Krankenkassen so hoch wie nie. Zudem leidet der Einfallsreichtum immer stärker darunter: „Der Mensch braucht Abstand zur Sache, wenn aus grundlegenden Gedanken eine Idee reifen soll“, sagt Psychologin Venz. Stumpfes Starren auf den Bildschirm sei für den Arbeitsfortschritt daher nicht so günstig wie der Idee einfach ihre Zeit zu lassen und lieber in die Pause zu gehen.

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