Spanien vor der Siesta-Revolution

Wegen der traditionellen Zwangspause zu Mittag arbeiten viele Spanier bis in den Abend.

Die Minderheitsregierung plant eine Reform.

Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit und wäre doch eine kleine Revolution. Die spanische Arbeitsministerin Fátima Báñez will erreichen, dass die Spanier um 18 Uhr Feierabend machen können. Mit diesem Versprechen war die konservative Volkspartei in den Wahlkampf gezogen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Spanien hat zwar in den vergangenen Jahren einen großen Modernisierungsschub erlebt: Paare leben ohne Trauschein zusammen, Homosexuelle können Ehen schließen, und Geschäfte haben sonntags geöffnet. Aber dennoch hält das Land an einer Tradition fest.

Spätestens um 14 Uhr rasseln an den Schaufenstern vieler Läden die Jalousien herunter. Die Chefs brechen zu ausgedehnten Geschäftsessen mit reichlich Wein auf. Währenddessen schlagen ihre Mitarbeiter oft die Zeit tot. In der mindestens zweistündigen Zwangspause schaffen sie es in Großstädten wie Madrid nicht nach Hause. Von der Siesta ist kaum etwas geblieben. Mehr als 60 Prozent machen keinen Mittagsschlaf mehr. Nach 16 Uhr geht es dann in den Büros und Betrieben weiter, bis 20 Uhr oder noch länger. Dabei haben die meisten morgens ähnlich begonnen wie ihre Kollegen im übrigen Europa.

Spanier arbeiteten im vergangenen Jahr nach Angaben der OECD im Schnitt 1691 Stunden lang, Deutsche nur 1371 Stunden. Die längere Arbeitszeit bedeutet jedoch keine höhere Produktivität: Laut OECD liegt sie in Spanien bei gut 32 Euro pro Stunde, in Deutschland sind es dagegen knapp 43. Am Höhepunkt der Wirtschaftskrise waren viele Spanier froh, überhaupt Arbeit zu haben. Mittlerweile wächst die Wirtschaft mit 3,2 Prozent wieder, und die Regierung unternimmt einen weiteren Anlauf, um ein Problem anzugehen, über das immer mehr Menschen klagen. Es geht nicht nur darum, neue Stellen zu schaffen, sondern auch um die „Qualität“ der Arbeit, wie es Arbeitsministerin Báñez bei ihrem Vorstoß im Dezember formulierte.

Anstatt sich zu bemühen, am Arbeitsplatz sein Bestes zu geben, gehe es in Spanien darum, am Arbeitsplatz gesehen zu werden, kritisiert schon seit längerer Zeit die spanische Vereinigung für die Anpassung der Arbeitszeit (ARHOE). Aber zahlreiche Chefs ziehen es immer noch vor, ihre Angestellten bis zum späten Abend in ihrer Nähe zu haben. Das führt nicht nur zu wachsender Unzufriedenheit, weil es vielen nicht gelingt, Beruf und Familie besser in Einklang zu bringen. Der Arbeitsstil ist auch ungesund. Der späte Feierabend hat zur Folge, dass oft erst nach 21 Uhr zu Abend gegessen wird. Im Fernsehen beginnt das Hauptprogramm dann um 22 Uhr und dauert oft bis ein Uhr morgens. Trotzdem geht es am nächsten Morgen zeitig los. „Die Spanier schlafen eine Stunde weniger als die acht Stunden, die die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Sie leben deshalb mit einem permanenten ,Jetlag'“, sagt die Professorin Nuria Chinchilla von der Madrider Business-School IESE. Wer jede Woche mehr als 55 Stunden am Arbeitsplatz verbringe, dessen Schlaganfallrisiko erhöhe sich um rund ein Drittel, warnen Fachleute.

Ein Grund für den stressigen Tagesablauf ist aber auch die Sonne. Sie geht im Sommer erst um 22 Uhr unter. Worüber die Touristen aus dem Norden begeistert sind, darunter leiden viele Spanier. Immer mehr von ihnen wünschen sich, dass die Sonne früher untergeht. Ihren Biorhythmus bringt eine Entscheidung durcheinander, die auf den Diktator Francisco Franco zurückgeht. Als Spanien während des Zweiten Weltkriegs gute Beziehungen zu Hitlers Deutschland unterhielt, ließ Franco die Uhr eine Stunde vorstellen. Seitdem gehört Spanien zur selben Zeitzone wie Deutschland, obwohl der größte Teil des Landes zuvor in der westeuropäischen Zeitzone lag – wie der Nachbar Portugal und Großbritannien, wo es eine Stunde früher dunkel wird.

Jetzt setzt sich deshalb auch die spanische Regierung bei ihrem Reformvorschlag für eine Rückkehr von der Mitteleuropäischen in die Westeuropäische Zeitzone ein. Sie entspricht besser dem menschlichen Biorhythmus und könnte nach Ansicht von Fachleuten auch die Arbeitsproduktivität erhöhen, weil die Spanier dann mehr schlafen und weniger müde sind. Noch effizienter arbeiten schon heute Angestellte in Unternehmen, die flexiblere Arbeitszeiten anbieten und dem Personal damit auch keine ewig dauernde Mittagspause verordnen. Laut einer Untersuchung der IESE Business School sind sie um 19 Prozent produktiver. In Spanien gibt es schon eine Reihe größerer Unternehmen und Banken, die ihren Mitarbeitern erlauben, um 17 Uhr nach Hause zu gehen oder Arbeitszeit anzusparen und nach ihren Bedürfnissen zu verwenden. Beim international aktiven Bauunternehmen Ferrovial dauert die Mittagspause gewöhnlich nur eine halbe oder maximal eine Stunde. Bei der Unternehmensgruppe FCC geht man noch einen Schritt weiter. Man will nicht, dass die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit nur absitzen, und schaltet daher um 19 Uhr in den Büros Licht und Strom ab. Wer länger bleiben will, muss das begründen und braucht eine Genehmigung der Direktion.

Forderungen nach einem arbeitnehmer- und familienfreundlicheren Arbeitstag mehren sich. Doch die Minderheitsregierung von Ministerpräsident Rajoy ist bei ihrer Arbeitszeitreform auf die Unterstützung der Opposition und der Gewerkschaften angewiesen. Die sozialistische Partei PSOE hat prinzipiell keine Einwände dagegen, mehr für eine bessere Balance zwischen Beruf und Privatleben zu tun. Aber angesichts von 4,9 Millionen Arbeitslosen und immer mehr Arbeitsverträgen, die oft auf eine Woche oder weniger befristet sind, gebe es für Politiker dringlichere Aufgaben, teilte die PSOE mit. Arbeitsministerin Báñez nannte ihren Vorschlag deshalb erst einmal eine Einladung zu einem „Dialog“.

Von Hans-Christian Rößler

 

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