Zur Arbeit von Madrid nach Stuttgart

In den Krisenländern im Süden Europas haben viele junge Menschen kaum eine Aussicht auf eine Anstellung.

Perspektiven geben da deutsche Unternehmen.

ols. STUTTGART, 18. Mai. Internetportale wie „The job of my life“ oder „Make it in Germany“ sollen junge arbeitslose Spanier, Griechen oder andere Europäer für eine Ausbildung oder eine Stelle in Deutschland begeistern. Die 23 Jahre alte Ana María San Andrés González hat den Schritt gewagt und ist aus der Nähe von Madrid nach Stuttgart gekommen. Sie ist in Spanien nach ihrer schulischen Ausbildung ein Jahr ohne Arbeit gewesen. Im Internet habe sie dann von der Möglichkeit erfahren, in Deutschland eine Lehre machen zu können, sagt sie. So ist González auf den Autozulieferer Robert Bosch GmbH gestoßen. Dort machen sie und ihr gleichaltriger Kollege Juan Manuel Cañadas Torres gerade eine Ausbildung zum Mechatroniker. Die erste Hürde ist nun geschafft. Nach 20 Monaten haben sie den ersten Teil der Abschlussprüfung abgelegt und auch bestanden. Und das in Deutsch.

„Die Sprache ist eine große Herausforderung“, sagt Torres, der in seiner Heimat schon eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker absolvierte. Doch er und seine Kollegin sprechen schon recht gut Deutsch. In der Berufsschule muss Lehrer Helmut Haf manchmal eine Spanisch-App bemühen, wenn er mit seinen Sprachkenntnissen nicht weiterweiß. Er ist voll des Lobes für seine beiden Schüler. Sie gehören zum ersten Jahrgang der Ausbildungsinitiative Südeuropa, die Bosch 2014 begonnen hat. Dabei gibt es 100 Lehrstellen für junge Menschen aus Spanien, Portugal und Italien. 50 der Ausbildungsplätze entstanden in Deutschland, wie Bosch-Geschäftsführer Christoph Kübel berichtet. 7,5 Millionen Euro lässt der Konzern sich das Engagement kosten.

Bevor es nach Deutschland ging, machten die beiden Spanier einen ersten Sprachkurs in ihrer Heimat. Danach folgte im Jahr 2014 ein Praktikum in Deutschland. Insgesamt sind von einmal 50 Personen immer noch 40 Leute in dem laufenden Programm. Sie verteilen sich über 15 Standorte des Konzerns in Baden-Württemberg und Bayern.

Nicht nur die Sprache ist für die Auszubildenden eine Herausforderung, auch sich im deutschen Alltag zurechtzufinden fällt ihnen nicht immer leicht. Viele der jungen Leute wohnen das erste Mal allein – und dann noch fern der Heimat. Doch inzwischen scheinen beide ihren Alltagsrhythmus bei den Schwaben gefunden zu haben. Sie treffe sich gerne mit Kollegen, sagt González. Torres erkundet die Umgebung mit dem Fahrrad, macht gerne Sport und freut sich bei den wärmeren Temperaturen wieder aufs Grillen. Der junge Mann merkt schon den einen oder anderen Mentalitätsunterschied zwischen Spaniern und Deutschen. „Die deutschen Leute haben manchmal einen Quadratkopf“, sagt er scherzhaft. Auch die duale Ausbildung ist für beide etwas komplett Neues. In Spanien ist die Lehre schulisch organisiert, und es gibt keine Vergütung. Der Praxisanteil ist gering. Damit beide auch weiterhin gut die Sprache lernen, wird auch in der Berufsschule darauf geachtet, dass es zu keiner Grüppchenbildung kommt und immer Deutsch gesprochen wird.

Die beiden Spanier sind über das Arbeitsförderprogramm mit dem etwas sperrigen Titel „Mobipro-EU“ nach Deutschland gekommen. Es ist das mit Abstand bekannteste seiner Art gewesen: Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in den südlichen EU-Staaten hatte die Bundesregierung entschieden, arbeitslosen Jugendlichen aus dieser Region zu einer Ausbildung in Deutschland zu verhelfen – mit Sprachkurs, vorbereitendem Praktikum und Zuschüssen fürs Leben als Lehrling fern der Heimat. Berühmt wurde es auch, weil der Regierung 2014 kurzfristig das Geld dafür ausging – und Hunderte spanische Jugendliche plötzlich um die zugesagte Unterstützung bangten. Die Fördermittel sind deshalb von ursprünglich 139 auf 560,1 Millionen Euro erhöht worden, wie Beate Raabe von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung berichtet. Seit Start des Programms hatten insgesamt 12 665 Personen im Programmsegment Ausbildung teilgenommen, 1935 Personen im Segment Fachkräfte. Die Auszubildenden sind aus fast ganz Europa gekommen, von Spanien, Italien und Griechenland über Bulgarien, Polen und Rumänien, von Frankreich bis Kroatien. Trotzdem blieb der große Ansturm aus, wie der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Achim Dercks, sagt: „Letztlich haben weniger Jugendliche aus Südeuropa Ausbildungschancen in Deutschland wahrgenommen als von vielen erwartet.“ Zu groß seien oft Sprachbarrieren und Bindungen an Familie und Freunde im Herkunftsland gewesen. Derzeit werden etwa 2000 ausländische Jugendliche über das Programm „Mobi-Pro EU“ gefördert. Zwar sei die Zahl der Jugendlichen im Vergleich zu 2015 leicht gestiegen, die große Welle bleibt jedoch weiterhin aus.

Die Abbruchquoten liegen bei solchen Projekten durchschnittlich bei rund 40 Prozent. So wurden neun junge Leute von der Handwerkskammer Ulm im Jahr 2013 an Betriebe im Baubereich der Region vermittelt. Von diesen machte keiner seine Ausbildung zu Ende. Ein Jahr später waren es 45, von denen aktuell noch 15 hier sind, wie ein Sprecher der Handwerkskammer berichtet. Den jungen Leuten wird in der Regel zwar gute Arbeit bescheinigt, aber oftmals lässt die Zuverlässigkeit zu wünschen übrig. In Spanien liegt die Quote der arbeitslosen Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren bei 45,9 Prozent, in Italien sind es 38,2 Prozent. In Griechenland liegt sie mit 51,9 Prozent noch höher. Dort engagiert sich Bosch jedoch auch in der zweiten Runde des Ausbildungsinitiative nicht. Der Grund laut Arbeitsdirektor Kübel: Hier hat der Konzern keinen Fertigungsstandort, sondern nur eine Vertriebsniederlassung.

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