Psychische Krisen: Das Ende der Karriere?

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In einer Arbeitswelt, die sich ständig wandelt, sind psychische Krisen und Erkrankungen nicht länger nur private Herausforderungen, sondern beeinflussen zunehmend auch die beruflichen Pfade. Doch wie wir damit umgehen, kann den Unterschied ausmachen: Werden sie zum Karriere-Killer oder zum unerwarteten Karriere-Booster?

Nahezu die Hälfte aller Menschen wird heutzutage im Laufe ihres Lebens persönlich mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert. Depressionen, Ängste und ähnliche Herausforderungen sind somit alles andere als Ausnahmen – sie gehören zur Normalität und damit auch zum Alltag der Arbeitswelt. Dennoch werden sie dort teilweise immer noch wie außergewöhnliche, überraschende Ereignisse behandelt. Oftmals herrscht Tabuisierung, Bagatellisierung und eine schamhafte Verschwiegenheit – mit fatalen Konsequenzen: Betroffene gestehen sich manchmal lange nicht ein, dass es ihnen nicht gut geht. Und wenn sie es dann doch tun, sprechen sie häufig mit niemandem darüber oder zögern, sich Hilfe zu suchen. In der Folge kann es zu vermeidbaren Chronifizierungsprozessen und zunehmenden Belastungen kommen, sowohl für die Betroffenen als auch für Betriebe und Kollegen.

Durch Belastung zu mehr Resilienz

Aber das muss nicht sein: Dafür ist es sehr hilfreich, mentale Belastungen und psychische Erkrankungen als völlig normalen Teil der persönlichen und beruflichen Wachstumsreise anzuerkennen. Burnout, Ängste oder Schlafstörungen müssen kein Stolperstein auf dem Karriereweg sein, sondern können, richtig angegangen, selbst zur Ressource werden. Denn „Resilienz“, die Fähigkeit, psychischen Herausforderungen zu trotzen, entsteht nicht aus dem Nichts. Sie bildet sich gerade durch Begegnungen mit Belastungen, die uns fordern und gelegentlich auch überfordern. Resilienz ist nur bedingt präventiv erreichbar; sie ist auch eine Frage des „Trainings“ an konkreten Herausforderungen, die das Leben uns stellt. Ähnlich wie unser körperliches Immunsystem durch Infekte lernt und durch Impfungen gestärkt wird, benötigt auch unser psychisches Immunsystem Training und gelegentliche „Updates“, um zukünftigen Herausforderungen gut begegnen zu können. Diese Updates können sich als psychische Krisen bemerkbar machen. Die psychischen Belastungen von heute können die Grundlage der Resilienz von morgen sein.

Die transformative Kraft psychischer Krisen

Betrachtet und angegangen auf diese Weise, können psychische Krisen zu einem Schritt hin zu mehr Resilienz und Stärke, zu Gelassenheit, Wohlbefinden und einer verstärkten Fokussierung auf das Wesentliche werden. Sie haben das Potenzial, zu einem elementaren Teil unserer Karriereleiter zu werden – manchmal als Wendepunkt, der den Startschuss für nachhaltige berufliche und private Veränderungen gibt. Oftmals bieten sie wertvolle Einblicke darüber, was uns wirklich wichtig ist, wohin wir unsere beruflichen Energien lenken möchten und worin unsere wahren Stärken und Bedürfnisse liegen.

Unverhoffte Karriereimpulse

Wer offen und ehrlich mit sich selbst durch seelische Belastungen und psychische Erkrankungen geht, erlebt unweigerlich einen Reifungsprozess und wird oft mit tiefgreifenden, wenn auch manchmal schmerzhaften Begegnungen mit seiner eigenen Essenz belohnt. Psychische Krisen können zu unerwarteten Katalysatoren für eine tiefe Verbindung mit unseren eigenen Werten und Zielen werden. Wer aus einer psychischen Krise gestärkt hervorgeht, bringt häufig eine tiefere Empathie, verbesserte Problemlösungsfähigkeiten und eine gestärkte emotionale Intelligenz in sein Berufsleben ein – allesamt Kompetenzen, die in der modernen Arbeitswelt hochgeschätzt werden und das berufliche Selbst auf unerwartete Weise voranbringen können.

Fragen zur Selbstreflexion

Um psychische Belastungen für die eigene Weiterentwicklung zu nutzen anstatt an ihnen zu zerbrechen, kann die ehrliche Beschäftigung mit folgenden Fragen sehr hilfreich sein:

Was kann ich aus meiner gegenwärtigen psychischen Belastung über meine Grenzen lernen?
Diese Frage hilft Ihnen zu erkennen, wo Ihre Grenzen liegen und wie Sie diese in Zukunft noch besser schützen können.

Welche Rolle spielt die Work-Life-Balance für meine psychische Gesundheit?
Überdenken Sie, wie Sie Arbeit und Privatleben ausbalancieren wollen, um zukünftigen Krisen vorzubeugen.

Welche Stärken entdecke ich gerade im Angesicht der Belastungen?
Oft entdecken wir in schwierigen Zeiten neue Stärken an uns, die uns zuvor nicht bewusst waren.

Welche Veränderungen möchte ich in meinem Leben vornehmen?
Überlegen Sie, welche konkreten Schritte Sie unternehmen können, um Ihre berufliche und private Situation an Ihre neuen Erkenntnisse anzupassen.

Wie kann ich meine Erfahrungen nutzen, um in meiner Karriere voranzukommen?
Denken Sie darüber nach, wie Sie das, was Sie gelernt haben, als Stärke in Bewerbungsgesprächen, bei der Netzwerkbildung oder in Führungsrollen einsetzen können.

Was würde ich jemandem in einer ähnlichen Situation raten?
Indem Sie überlegen, welchen Rat Sie anderen geben würden, können Sie wertvolle Einsichten für Ihren eigenen Umgang mit psychischen Krisen gewinnen.

Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung, wenn ich Unterstützung möchte?
Machen Sie sich mit den verfügbaren Hilfsangeboten vertraut, sowohl innerhalb als auch außerhalb Ihres Arbeitsplatzes. Sofortunterstützung in allen Lebenslagen rund um die Uhr und an jedem Ort durch einige der renommiertesten ExpertInnen für psychische Gesundheit und mentales Wohlbefinden bietet die Plattform couch:now.

Fazit

Psychische Krisen müssen nicht das Ende der beruflichen Ambitionen bedeuten. Im Gegenteil, sie bieten die Möglichkeit, sich neu zu orientieren, Resilienz aufzubauen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Wer Krisen als integralen Bestandteil des eigenen Berufsweges ansieht, kann sie in einen wahren Booster für die eigene Weiterentwicklung verwandeln.

 

Zum Autor: Stefan Junker ist promovierter Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Systemischer Business-Coach. Er lehrt am Helm-Stierlin-Institut in Heidelberg und ist Co-Founder der Online-Selbsthilfe-Plattform couch:now.

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