Wir sind die Superreichen

In vielen Ländern werden die Reichsten der Reichen immer reicher.

Ihre politische Macht wächst ebenfalls. Aber ist das wirklich schlimm?

Von Norbert Berthold und Klaus Gründler

Ein großer Teil der steigenden Ungleichheit der Einkommen ist auf den Reichtum der Topverdiener zurückzuführen. Dies sind die wahren Riesen der Einkommensverteilung, die in den oberen 10 Prozent, den oberen 1 Prozent und den oberen 0,1 Prozent rangieren.

Zunächst sollten wir uns die Frage stellen, wer denn eigentlich Top-Einkommen bezieht. Betrachten wir die globale Einkommensverteilung, so lautet die provokante Antwort auf diese Frage vermutlich schlicht: Sie, liebe Leserinnen und Leser! Die Internetseite „globalrichlist.com“ bietet die Möglichkeit, die eigenen jährlichen Haushaltseinkommen mit der globalen Einkommensverteilung zu vergleichen. Ein Beispiel: Personen, die in Deutschland ein jährliches Nettoeinkommen von 15 000 Euro erzielen, befinden sich in der globalen Einkommensverteilung bereits unter den reichsten 4,68 Prozent und rangieren damit unter den reichsten 280 Millionen Menschen der Erde. Ein jährliches Nettoeinkommen von 35 000 Euro verhilft gar bereits zu einem Platz unter den obersten 0,48 Prozent beziehungsweise den reichsten 28 Millionen Menschen auf dem Globus.

Sprechen wir über Top-Einkommensbezieher, dann ist in den meisten Fällen jedoch nicht der globale Kontext, sondern vielmehr das nationale Umfeld gemeint. Hier ändert sich das Bild in der Tat drastisch: Um in Deutschland zu den Top-10 Prozent zu gehören, muss ein Jahreseinkommen von ungefähr 70 000 Euro erzielt werden, die Grenze zu den Top-1 Prozent liegt bei etwa 150 000 Euro, die Grenze zu den Top-0,5 Prozent liegt gar bei 500 000 Euro.

Der Einkommensanteil dieser Spitzengruppe ist bedeutsam und in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Den mit Abstand größten Zuwachs verbuchten dabei die Top-Einkommensbezieher in den Vereinigten Staaten. So lag der Einkommensanteil der Superreichen in den frühen 1980er Jahren mit rund 8,5 Prozent zwar bereits über dem OECD-Schnitt (7,1 Prozent), wurde allerdings noch von Deutschland übertroffen (9,6 Prozent). In den folgenden Jahrzehnten kam es in den Vereinigten Staaten jedoch zu einer Verdopplung des Einkommensanteils der Top-1 Prozent. Heute, rund 30 Jahre später, ist die Konzentration mit knapp 20 Prozent selbst in der Gruppe der entwickelten OECD-Nationen einzigartig: Während der Wert in der OECD aktuell bei 9 Prozent liegt, befinden sich Österreich (6,6 Prozent), Frankreich (8,4 Prozent) und Japan (9,5 Prozent) weit unterhalb der amerikanischen Verhältnisse. Deutschland rangiert mit 13,6 Prozent im oberen Mittelfeld und befindet sich in einer Gruppe mit Mexiko und Israel.

Betrachtet man die verschiedenen Ländergruppen etwas genauer, so fällt ein deutliches Muster auf: Vor allem in den angelsächsischen Nationen stiegen die Einkommensanteile der Superreichen seit Beginn der 1980er Jahre stark an (von 7,5 auf 13,5 Prozent), während sie in den übrigen OECD-Staaten auf einem mehr oder weniger konstanten Niveau von etwa 8 Prozent verharrten. Aus dieser Entwicklung können wir eine wichtige Schlussfolgerung ableiten: Die Parallelen in der Entwicklung der Marktungleichheit zwischen den OECD-Nationen lässt auf einen starken Einfluss globaler Trends schließen. Der asynchrone Anstieg der Einkommensanteile der Reichen spricht hingegen eher für eine institutionelle Erklärung.

Blicken wir zum Verständnis dieses Arguments zunächst auf die relativ gut entlohnten technischen Berufe. Der „Entgeltatlas“ der Bundesagentur für Arbeit gibt detaillierte Auskunft über die durchschnittlichen Gehälter in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern. Demnach beträgt das durchschnittliche Gehalt eines Absolventen der Wirtschaftsinformatik jährlich zwischen 40 260 Euro und 54 312 Euro, ein Softwareentwickler wird im Schnitt mit zwischen 44 112 Euro und 54 888 Euro entlohnt, während die durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Mechatronikers zwischen 40 920 Euro und 51 936 Euro liegen. Je nach Regionen und Studienabschluss existieren hierbei zwar starke Schwankungen, unter den oberen zehn Prozent (75 000 Euro) oder gar den oberen ein Prozent (150 000 Euro) finden sich allerdings keine der Berufe.

Warum sind die Top-Einkommen so stark angestiegen? Die institutionelle Stellschraube, welche die Nettoeinkommensanteile der Hocheinkommensbezieher so stark wie keine zweite beeinflusst, ist das Steuersystem. Je progressiver dieses ausgestaltet ist, desto geringer fallen die Einkommen der Superreichen nach Steuern und Transfers aus. Die französischen Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Stefanie Stantcheva haben im Jahr 2011 jedoch eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Offenbar korrelieren nicht nur die Nettoeinkommensanteile der oberen ein Prozent mit dem Spitzensteuersatz, sondern insbesondere und in wesentlich stärkerem Maße auch die Bruttoeinkommensanteile.

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Mit Thomas Piketty wurde einer dieser Ökonomen in der breiten Öffentlichkeit im Jahr 2014 schlagartig bekannt, als dieser sein einflussreiches populärwissenschaftliches Buch „Kapital im 21. Jahrhundert“ veröffentlichte. Das rund 800 Seiten umfassende Werk fand große Verbreitung auch außerhalb des Fachpublikums und schaffte es sogar in die Bestsellerlisten. Die Entdeckung, die Piketty kurz vor Veröffentlichung seines Buches machte, ist in der nebenstehenden Grafik illustriert. Diese zeigt den Zusammenhang zwischen der Veränderung der Einkommensquote der oberen ein Prozent und der Veränderung der Spitzensteuersätze von 1960 bis 2009. In Summe ergibt sich eine relativ stark negative Korrelation der beiden Größen von knapp 50 Prozent. Während die Spitzensteuersätze in allen abgetragenen Ländern zwischen 1960 und 2009 reduziert wurden, ist der Rückgang in Amerika und Großbritannien besonders stark ausgeprägt. Gleichzeitig hat dort der Anteil der Top-Einkommensbezieher am deutlichsten zugelegt. Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich Spanien, Finnland und Deutschland, in denen sich die Spitzensteuersätze heute noch oder wieder auf ähnlichem Niveau befinden wie im Jahr 1960. In diesen Ländern sind die Zuwächse der Superreichen deutlich geringer.

Woher kommt diese starke Korrelation? Die Erklärungen dieses Phänomens zeigen uns ganz deutlich, über welche Kanäle die Top-Einkommensbezieher zur Ungleichheit beitragen. Die erste Erklärung argumentiert mit den verschiedenen Steuervermeidungsstrategien. Je geringer die Spitzensteuer, desto geringer die Anreize der Bezieher hoher Einkommen, über verschiedene Wege der nationalen Steuer auszuweichen. Das zweite Argument zielt auf die Lohnverhandlung ab. Wenn der Spitzensteuersatz sehr hoch ist, so sind die zusätzlichen Nettoeinkommen aus einer Lohnverhandlung gering. Entsprechend wenig Anreiz besitzen die Bezieher von Top-Einkommen, in Lohnverhandlungen auf einem höheren Lohn zu insistieren. Sinken jedoch die Spitzensteuersätze, so steigt der Anteil jedes zusätzlich erzielten Bruttoeuros, der nach Abzug der Steuern verbleibt. In diesem Fall haben Top-Einkommensbezieher einen großen Anreiz, ihre Verhandlungsmacht zugunsten von höheren Löhnen auszuspielen.

Die dritte Erklärung argumentiert, dass der Zusammenhang in unserer Grafik zwar eine Korrelation, nicht aber eine Kausalität widerspiegelt und von einer dritten Variable beeinflusst wird. So kam es während der 1980er Jahre sowohl in Amerika unter Ronald Reagan als auch unter Margaret Thatcher in Großbritannien mehr oder weniger zeitgleich zu einer erheblichen Steuerreduktion, die mit einer Vielzahl von Deregulierungen einherging. Letztere haben besonders die Bezieher von Top-Einkommen begünstigt.

Doch auch Kapitaleinkommen nehmen eine wichtige Rolle ein. Diese entstehen, wenn Haushalte einen Teil ihrer Einkommen sparen und das so entstandene Vermögen in Form von Dividenden oder Zinsen jährlich wiederkehrende Einkommen abwirft. Die weltweite Sparquote beträgt gegenwärtig 24 Prozent, in Deutschland ist der gesparte Anteil leicht höher (27 Prozent), in den Vereinigten Staaten geringer (18 Prozent). Im Durchschnitt werden also die wenigsten Haushalte durch Kapitalerträge auf die eigenen Spareinlagen in die Gruppe der Reichsten wandern. Viele Haushalte mögen daher von der „reichen Erbtante aus Übersee“ träumen, die einen unverhofften Geldsegen verspricht. Dass dieses Szenario in der Tat nicht unrealistisch ist, wird deutlich, wenn wir den Anteil der vererbten Vermögen an den Gesamtvermögen betrachten. Dieser ist seit den 1970er Jahren in Europa und Amerika stark angestiegen und liegt gegenwärtig bei knapp 60 Prozent. Diese Entwicklung legt nahe, dass ein Teil der Top-Einkommensbezieher nicht durch Arbeitseinkommen nach ganz oben gewandert ist, sondern dass die Teilnahme in der Spitzengruppe auf Kapitaleinkommen fußt, welche dem Erbe von großen Vermögen entspringen.

Zuletzt kann der in unserer Grafik dargestellte Zusammenhang auch umgekehrt interpretiert werden. Da die Grafik keine Rückschlüsse auf die Richtung der Kausalität liefert, ist es durchaus denkbar, dass es nicht die geringen Steuern sind, die zu hohen Einkommensanteilen der Superreichen führen, sondern dass eine starke Elite politischen Einfluss nimmt und so zu einer Reduktion der Spitzensteuer beiträgt. Die beiden amerikanischen Politikwissenschaftler Martin Gilens und Benjamin Page haben im Jahr 2014 insgesamt 1779 Politikentscheidungen untersucht, die zwischen 1981 und 2002 verabschiedet wurden. Diese Entscheidungen verglichen die Autoren jeweils mit den Präferenzen der durchschnittlichen Wähler und der Bezieher von Top-Einkommen. Wie sich herausstellte, existiert nur ein schwach positiver Zusammenhang zwischen den Präferenzen der Durchschnittswähler und den entsprechenden Politikmaßnahmen. Demgegenüber sind die Präferenzen der ökonomischen Elite stark mit den durchgeführten politischen Handlungen korreliert. Genauer zeigt die Untersuchung, dass die Wahrscheinlichkeit nahe null liegt, dass eine Maßnahme gegen den Willen der Top-Einkommensbezieher durchgeführt wird. Umgekehrt steigt die Wahrscheinlichkeit zur Durchführung einer Maßnahme stark an, sobald diese eine breite Unterstützung unter den Top-Einkommensbeziehern findet.

Der politische Einfluss der Top-Einkommensbezieher findet sich in ähnlicher Form auch in anderen Ländern. Eine Studie von uns untersucht den Einfluss der Reichen auf die Generosität des Sozialsystems in einem breiten Ländersample. Die Ergebnisse zeigen ganz deutlich, dass die Bezieher von Top-Einkommen – die schlussendlich Nettozahler einer umverteilenden Politik sind – einen signifikant negativen Einfluss auf die nationalen Umverteilungsanstrengungen nehmen. Dieser Effekt ist umso stärker, je weiter wir die Einkommensleiter emporklettern. Das bedeutet, die Top-0,01 Prozent üben einen stärkeren Effekt aus als die Top-0,1 Prozent, welche wiederum eine größere politische Macht besitzen als die Top-1 Prozent.

Das Bestreben, den wirtschaftlichen Erfolg durch die Beziehung zur Politik zu verbessern, wird von Ökonomen als „Crony Capitalism“ bezeichnet, was zu Deutsch meist prägnant als Nepotismus oder schlicht als Vetternwirtschaft übersetzt wird. Die Beispiele in der Realität sind vielfältig und reichen über finanzielle Vergünstigungen, Steuerschlupflöcher, Subventionen bis hin zu Marktzutrittsbarrieren für Konkurrenten und verschiedenen protektionistischen Maßnahmen. Über diese Kanäle führen nepotistische Tendenzen zu einer Erhöhung der Anteile der Top-Einkommensbezieher und steigern die ökonomische Ungleichheit. Langfristig kann derartiges Handeln zu bedenklichen Konsequenzen für die wirtschaftliche Entwicklung und die Demokratie führen.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass selbstredend nicht alle Top-Einkommen schädlich für die Lebensstandards sind. Durch höhere Steuerzahlungen finanzieren die Top-Einkommensbezieher Transferzahlungen an ärmere Familien, durch unternehmerisches Handeln werden Arbeitsplätze geschaffen, welche Wohlfahrt für die privaten Haushalte schaffen. Nach den jüngsten Aufstellungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahre 2016 sind 41,5 Prozent aller in Deutschland entrichteten Steuern von den oberen 10 Prozent der Einkommensverteilung gezahlt worden. In einem Versuch, die Top-1 Prozent zu verteidigen, stellte der Harvard-Professor Gregory Mankiw folgendes Gedankenexperiment auf: In einer Gesellschaft mit perfekter Gleichverteilung entwickelt ein Mitglied plötzlich ein Produkt, das alle anderen Mitglieder haben wollen. Dies geschah etwa, als Joanne K. Rowling mit ihrer Harry-Potter-Serie Ende der 1990er Jahre sämtliche Verkaufsrekorde brach. Durch den Kauf der Bücher waren beide Seiten besser gestellt. Die Leser der Harry-Potter-Reihe, weil sie von Joanne K. Rowling in die magische Welt von Hogwarts entführt wurden; Joanne K. Rowling, weil sie durch den Verkauf der Serie ein Privatvermögen von etwa einer Milliarde Dollar und damit auch einen sicheren Platz unter den Top-0,01 Prozent der Verteilung in Großbritannien erworben hat. Da in diesem Fall viele Käufer einer Verkäuferin gegenüberstehen, nimmt die Ungleichheit in der Gesellschaft stark zu. Dennoch würden Millionen Leser empört protestieren, würde man der Autorin die Veröffentlichung weiterer Geschichten aus dem Harry-Potter-Universum aus Verteilungsgesichtspunkten untersagen.

Norbert Berthold ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg; Klaus Gründler ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Norbert Berthold und Klaus Gründler: Ungleichheit, soziale Mobilität und Umverteilung Ein Vorabdruck. Das Buch erscheint Mitte November im Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 24 Euro.

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