Bewerbungen? Lasse ich schreiben

Anschreiben, Lebenslauf und Referenzen - eine Bewerbung kostet Zeit und Nerven.

Wer darauf keine Lust hat, geht zu einem Ghostwriter. Erhöht das wirklich die Chancen?

Bewerbungen schreiben lassen

ist die Sache klar: Er konnte seinem Berufsleben nach beinahe drei Jahrzehnten neue Impulse geben – dank fremder Bewerbungs-Hilfe aus dem Internet. Denn Wild, ein gestandener SAP-Berater in der Logistikbranche mit internationalem Karriereweg, schaltete vor knapp zwei Jahren einen Ghostwriter ein, um seine Unterlagen auf Vordermann zu bringen. „Ich hatte irgendwie den Anschluss verloren“, sagt Wild. Also investierte er Geld in ein Internetangebot, das ihm auf die Sprünge helfen sollte.

Damit setzte der inzwischen 58 Jahre alte Softwarefachmann auf einen Service, wie ihn im Netz eine ganze Reihe von Unternehmen anbieten. Ambitionierte Berufs

einsteiger, unsichere Wechselwillige und vielbeschäftigte Karrieristen sollen hier in kürzester Zeit professionelle Anschreiben, Lebensläufe und andere Unterlagen für die berufliche Präsentation erhalten. Mehr Qualität in der Bewerbung, treffendere Formulierungen – so lautet das Versprechen an die Kunden, die auf die Einladung zum Vorstellungsgespräch hoffen.

Fremde Formulierungen für den Erfolg: Bei Alfred Wild hat das funktioniert. Der dreimalige Vater hatte nämlich nach beruflichen Stationen in 23 Ländern und einer lukrativen Zeit als freiberuflicher SAP-Berater plötzlich das Gefühl, sich in der Heimat Deutschland nicht mehr so recht verkaufen zu können. Ein Kollege riet ihm, sich doch mal an ein Internet-Unternehmen zu wenden – die würden schon für ein gutes Anschreiben und einen ansprechenden Lebenslauf sorgen. Tatsächlich kontaktierte Wild dann „Die Bewerbungsschreiber“ und ließ sich ein Komplettpaket anfertigen: Lebenslauf, Motivationsschreiben, sogar den Auftritt im Karrierenetzwerk Xing ließ sich der damals freiberufliche Berater polieren.

Der Routinier Wild ist seit neuestem in einer Festanstellung nahe seiner Oberpfälzer Heimat gelandet, was über einen Personalvermittler lief. Dass es dazu kam, glaubt er, lag maßgeblich an seinen getrimmten Bewerbungsunterlagen. So sandte er einen 30 Seiten langen Lebenslauf – seine Bewerbungsschreiber dampften das Werk auf wenige Seiten zusammen. Das war gewöhnungsbedürftig, aber funktionierte. Auch das Anschreiben für neue Projektarbeiten überzeugte Wild: „Ich habe mich darin wiedergefunden. Es war kein Problem, das in einem Vorstellungsgespräch zu vertreten.“

Menschen wie Alfred Wild, also Berufstätige auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz und einer Zweitmeinung, das sind die Kunden von Ben Dehn, der für das Bochumer Unternehmen „Die Bewerbungsschreiber“ textet. Seit mehr als fünf Jahren bearbeitet das Team aus dem Ruhrgebiet eingesandte Bewerbungsunterlagen und erstellt auch komplett neue Materialien. „Wir haben eine sehr heterogene Kundschaft“, sagt Dehn, „mal geht es um die erste Bewerbung nach der Schule oder dem Studium, mal um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter, mal um eine Initiativbewerbung für das Wunschunternehmen.“

In all diesen Fällen, so sagt es Dehn, leiste man individuelle Hilfe, manchmal auch „ein bisschen Erziehungsarbeit“. Denn wenn Bewerbungsschreiber sich eines Kunden annehmen, dann schreiben sie Texte, die auch den Personalmanagern zusagen – wofür man eine klar erkennbare Motivation herausarbeiten muss, ohne die derzeitige Wochenendarbeit oder das schlechte Gehalt beim aktuellen Arbeitgeber zu thematisieren. Personalentscheider möchten sich immer angesprochen fühlen und einen individuellen Bezug zu ihrem Unternehmen in der Bewerbung wiederfinden, sagt Dehn. „Wir wissen, wie das funktioniert und was man schreiben sollte.“

In vielen Fällen bekommen die Dienstleister einen Link zur gewünschten Stelle und die vorliegenden Bewerbungsmaterialien der Kunden. „Da verkaufen sich viele sehr weit unter Wert“, findet Dehn. Es gehe deswegen auch darum, im Dialog mit den Kunden, notfalls auch in mehreren Feedbackrunden, passende Unterlagen zu erstellen, um Qualifikation und Person des Kunden gut zu treffen.

Sein Unternehmen befindet sich in einem harten Wettbewerb, in dem es mit Online-Marketing-Budgets um die Gunst der Bewerber buhlt und mit anderen Startups und etablierten Karriereberatungen konkurriert. Die Konkurrenten locken mit Kundenzufriedenheit, Geld-zurück-Garantie und günstigen Preismodellen, wie etwa das junge Düsseldorfer Unternehmen „richtiggutbewerben.de“. Dort behauptet man zudem: 76 Prozent der eigenen Kunden seien zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden.

Unternehmensgründer Bilal Zafar sagt, die Kunden könnten bei seinem Internetunternehmen eine Bewerbung „so einfach und transparent buchen, wie sie es vom Shopping bei Amazon gewohnt sind“. Das heißt: Sie laden ihre Dokumente auf der Plattform des Düsseldorfer Unternehmens hoch, wählen ihre Dienstleistung, die Bearbeitungsgeschwindigkeit – und spätestens vier Tage später haben sie ein fertiges Paket für die Bewerbung. Zafar sagt, richtiggutbewerben.de sichere die Qualität der Materialien über ein Lektorat, durch das jedes Schriftstück vor Rücksendung an die Kunden gehe.

Ein Grund, diese Dienstleistung zu nutzen, ist der Zweifel an den eigenen Aussagen und dem eigenen Lebenslauf. „Ich bin mir bei Bewerbungen immer unsicher“, sagt Patrick Mahler, der in den Niederlanden Wirtschaft studiert und sich aktuell auf eine Stelle mit Masterstudium bei einem großen Beratungsunternehmen beworben hat. Mahler buchte bei richtiggutbewerben.de für 149 Euro das komplette Paket. Er schickte die Stellenausschreibung, den Lebenslauf und ein Bewerbungsschreiben ein. Im Internet konnte er danach den Bearbeitungsstand verfolgen und stark veränderte Unterlagen prüfen. Bei einigen branchenspezifischen Formulierungen sah er Nachholbedarf, also sprach er sich mit dem Texter ab und bekam einen neuen Entwurf. „Am Ende hat das Schreiben genau dem entsprochen, was ich hätte sagen wollen, was ich aber so nicht rüberbringen konnte“, sagt Mahler. Ob es zur Einladung kommt, wird er erst in den kommenden Wochen wissen.

Aber sind Ghostwriter für Bewerbungen eigentlich legitim? Was wäre, wenn die Personalabteilungen davon wüssten, dass die so passenden Formulierungen von Profis stammen? Was passiert, wenn ein Bewerber im Interview zugeben würde: „Ach, das Schreiben habe ich von einem Dienstleister erstellen lassen.“

Bilal Zafar weiß: „Einige Personaler sehen unsere Arbeit kritisch.“ Aber es gebe auch Branchen, etwa in der IT, wo man wertschätze, dass Unterlagen gut strukturiert überbracht werden – egal, von wem sie nun erstellt worden sind. Hört man sich in Personalabteilungen um, dann gibt es durchaus Skepsis. Zum Beispiel wird die Frage aufgeworfen, ob Bewerber sich tatsächlich die Nachhilfe bei den Unterlagen so viel kosten lassen sollten. Aber Skepsis herrscht auch darüber, ob man die fremde Hilfe überhaupt erkennen könnte.

„Wenn wir Unterlagen bekommen, sehen wir nicht unbedingt, ob da nun ein Dienstleister mitgewirkt hat oder nur viel eigene Arbeit in der Bewerbung steckt“, sagt Helga Kasper, Leiterin der Personalabteilung von Boge Kompressoren, einem inhabergeführten Mittelständler mit etwa 800 Mitarbeitern und Sitz in Bielefeld. Wichtiger als die Gestaltung und die besondere Formulierkunst im Anschreiben sei aber ohnehin die Information im Lebenslauf, sagt Kasper. „Wer mit klarem Verstand an eine Bewerbung herangeht und sich ein bisschen Unterstützung im Bekanntenkreis oder Informationen aus dem Internet einholt, bekommt eine vernünftige Bewerbung auch ohne Mehrkosten hin“, findet die Personalleiterin.

Wie würde sie reagieren, wenn jemand fremde Hilfe bei der Bewerbung eingestehen würde? Das komme ganz auf die Stelle an, sagt Kasper. Bei einer Sekretärin wäre das wohl ein K.o.-Kriterium, da das gute Formulieren von Texten zum Kern ihrer Arbeit gehört. Bei einem erfahrenen Techniker dagegen eher nicht, denn hier könne man argumentieren, dass sich jemand unsicher war, wie er seine Fähigkeiten am besten verkauft.

Eher skeptisch ist auch Tanja Ostermann aus der Personalabteilung von Vodafone in Düsseldorf. „Dass jemand anderer eine Bewerbung prüft, finde ich positiv“, sagt sie, „aber das muss nicht unbedingt ein Dienstleister sein.“ Schließlich gehe es ja bei der Bewerbung vor allem darum, ein authentisches Bild zu vermitteln. Sobald eine Bewerbung nämlich auf die vermutete Wunschvorstellung der Personalabteilung hin getextet wird und das Wesen des Bewerbers in den Hintergrund rückt, droht im Vorstellungsgespräch die große Enttäuschung. „Es kann vorkommen, dass sich die schriftliche Präsentation und der persönliche Eindruck nicht decken – dann entstehen bei uns Fragezeichen“, berichtet Ostermann.

Und wenn man schon entsprechende Angebote nutzt, sollte man auf keinen Fall sagen, dass man mangels Zeit die Bewerbung von einem Unternehmen hat vorbereiten lassen. Zwar hört man von den Anbietern, dass viele Kunden de facto aus diesem Grund den Service nutzen, insbesondere wenn sie im Berufsleben eingebunden sind und eine neue Stelle suchen. Doch dieses Motiv gilt unter Personalentscheidern als inakzeptabel. Wer sich keine Zeit nehme, um eine Bewerbung für eine Stelle zu schreiben, der sei für diesen Posten kaum der Richtige. Anders sieht es mit dem zweiten Argument aus, das häufig für Ghostwriting genannt wird: Man sei zu lange aus dem Bewerbungsgeschehen heraus und wisse nicht, was gerade gefordert werde. Dieses Motiv kann Personalexperten schon eher überzeugen.

Doch grundsätzlich hält sich die Begeisterung über die Dienstleister in Grenzen, auch und gerade in der Wissenschaft. Oft stellten sich die Bewerber falsche Fragen, findet Thorsten Krings, Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Krings hat gerade ein Buch über Erfolgsfaktoren effektiver Personalauswahl veröffentlicht und rät: „Die Frage sollte nicht lauten, ob ich mich richtig bewerbe, sondern ob ich mich für das Richtige bewerbe.“ Krings findet es grundsätzlich schwierig, das Schreiben der Unterlagen an jemand anderen abzutreten. „Ich sollte mir schon die Mühe machen, meine Gedanken zu ordnen, sonst wird mir das auch im Bewerbungsgespräch auf die Füße fallen.“

Der Osnabrücker Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning sieht das Ghostwriting der Bewerbungsunterlagen gar als Teil eines größeren Problems: Gegen die Erkenntnisse der Wissenschaft spielten Anschreiben und formale Gestaltung der Bewerbungen noch immer eine große Rolle für Unternehmen, was die Bewerber zu vielerlei Reaktionen nötige. In gut 4 Prozent der Fälle, so Kanning, gingen die Kandidaten eben zum Ghostwriter und hätten dann wohl auch bessere Karten auf dem Weg ins Vorstellungsgespräch. „Auf die Qualität der Auswahlverfahren dürfte sich das Ganze eher negativ auswirken“, argumentiert der Wirtschaftspsychologe, denn die geschickte Selbstdarstellung entscheide mehr als die Leistungsfähigkeit. Kanning sieht klare Nachteile für Menschen, die gut sind, ihre Materialien nicht manipulieren lassen. Sie würden seltener eingeladen – ein Fehler in der Auswahl, der sich später nicht mehr korrigieren lasse. Für ihn ist darum nicht nur die Nachhilfe ein Problem. Das Anfordern von Anschreiben und Motivationsschreiben hält er generell für wenig sinnvoll.

Lebenslauf aus der Wolke

Das Smartphone rückt laut einer neuen Studie auch bei der Suche nach einem Arbeitsplatz immer mehr in den Mittelpunkt. Fast 47 Prozent der 3400 Befragten gaben an, eine „mobile Bewerbung“ gegenüber der traditionellen Bewerbung zu bevorzugen. Das heißt, Bewerber haben Unterlagen wie Lebenslauf und Referenzschreiben in irgendeiner Datenwolke (Cloud) gespeichert und können bei Bedarf mobil darauf zurückgreifen. Dafür brauchen sie kein Laptop mehr. Das Interesse an mobilen Bewerbungen ist zwar da, aber nur wenige setzen das bisher um. Nur 13 Prozent der Befragten gaben an, sich häufig über das Smartphone zu bewerben. Deutlich mehr Menschen nutzen immer noch Smartphone und Tablet (41,7 beziehungsweise 29,2 Prozent) lediglich für die Stellensuche, um sich später klassisch mit dem Laptop zu bewerben. „Es sind deutlich mehr Frauen, die dafür das Tablett nutzen, Männer informieren sich eher am Laptop“, sagt Studienleiter Tim Weitzel.

Voraussetzung für mobile Stellensuche und Bewerbung ist, dass die Unternehmen darauf eingestellt sind und eigene Apps und lesbare Stellenanzeigen fürs Handy anbieten.

Hier sind die Unternehmen laut der Studie „Recruiting Trends 2017“ im Auftrag des Centre of Human Resources Information Systems, der German Graduate School Management and Law Stellenbörse Monster unterschiedlich aufgestellt: Während nicht einmal jedes zehnte Unternehmen eigene Apps für die Stellensuche anbietet, hat jedes zweite Top-1000-Unternehmen seine Stellenanzeigen für die Nutzung auf dem Smartphone optimiert. Bernd Schmitz, Leiter Personalmarketing der Bayer AG, ist überzeugt, dass mobile Bewerbungen zunehmen werden: „Wir haben immer mehr Kandidaten, die sagen, sie möchten den gesamten Bewerbungsprozess mobil erledigen.“ Viele hätten schon gar kein Laptop mehr. Ende des Jahres will Bayer eine App herausbringen, mit der Bewerber entweder direkt ihr soziales Netzwerk verlinken können oder ihre Unterlagen aus der Cloud dem Unternehmen einmalig bereitstellen. liha.

Von Tim Farin

 

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