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Das Ende der Stechuhr

In der Unternehmenswelt weiß niemand so genau, wo die Arbeit aufhört und das Privatleben anfängt. Das kann sogar Spaß machen.

Quelle: Interfoto

Von Ralph Bollmann

Man weiß nicht genau, ob das hier noch eine Firma ist oder schon ein Wohnzimmer. Um den langen Esstisch stehen zusammengewürfelte Stühle, mit viel Aufwand so gestylt, als kämen sie vom Sperrmüll. Wer es gemütlicher mag, kann es sich in der Ecke auf ausrangierten Flugzeugsitzen der Lufthansa bequem machen. Die Bewohner der Etage, Durchschnittsalter Ende zwanzig, machen den Eindruck einer Wohngemeinschaft. Das Unternehmen, das in diesem Haus die Räume vermietet, wirbt mit dem Slogan: "Arbeiten unter Freunden".

Frederik Brantner redet sich in Rage. Der junge Mann betreibt in der Münchener "Friendsfactory" ein Start-up, das Roboter für die Logistikbranche entwickelt. Sie können zum Beispiel im Lager von Amazon die Bücher vollautomatisch aus den Regalen holen. Das wird viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Aber es sind die Jobs, über deren Arbeitsbedingungen die Gewerkschaft sowieso immer schimpft, weil die Mitarbeiter kilometerweit durch die großen Hallen hetzen müssen, jeden Tag. Ist das also gut oder schlecht? Wenn er sein Geschäftsmodell an der Uni vorstellt, sagt Brantner, gebe es darüber bisweilen recht heiße Diskussionen.

Und nicht nur dort: Die Debatten gehen quer durch die Gesellschaft, und sie reichen bis in die Politik. Denn die verwirrende neue Arbeitswelt passt nicht zu den bestehenden Regeln, die allesamt aus einer ganz anderen Epoche stammen: einer mit klar eingeteilten Arbeitszeiten und abgrenzbaren "Arbeitsstätten", wie es in den Gesetzen heißt. Es war eine Welt, als ein Büro noch wie ein Büro aussah und ein Wohnzimmer noch wirklich ein privates Wohnzimmer war. Die Grenze zwischen beiden Sphären markierte ein Apparat, der aus immer mehr Firmen verschwindet und den Brantners Generation kaum noch kennt: die Stechuhr.

Dass es diese Arbeitswelt kaum mehr gibt, hat auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles verstanden. Die Sozialdemokratin bemüht sich gerade nach Kräften, die Bedürfnisse der neuen Zeit zu begreifen. Im Frühjahr hat sie ein "Grünbuch" übers digitale Arbeiten herausgegeben, den Sommer über bereiste sie diverse Firmen, Ende August will sie für ein paar Tage ins Silicon Valley fliegen. Gewappnet mit diesem Verständnis, will sie die bestehenden Regelungen irgendwann anpassen.

Das wird noch dauern - zu lange, für Brantners Geschmack. Der Jungunternehmer und seine Kollegen in der "Friendsfactory" sind von einer 40-Stunden-Woche weit entfernt. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass sie auch mal die Nächte durcharbeiten. Und billige Praktikanten frisch von der Uni verpflichten. Sie bekommen 600 bis 1000 Euro im Monat, viel weniger als den Mindestlohn, und machen oft mehr als die Hälfte der Belegschaft aus. Nur so kann es in der Anfangszeit eines Start-ups funktionieren, sagen die Chefs, und das Engagement zahle sich für die Praktikanten später aus.

Sie verstehen gar nicht, wo das Problem liegen soll: Arbeit und Leben sind für sie eins. Die Idee einer "Work-Life-Balance" suggeriert für sie, dass die Arbeit nicht das Leben ist - eine Vorstellung aus der alten Welt, wie sie glauben. "Ich hab' so Spaß bei dem, was ich mache", sagt Brantner. "Unsere Leute sind alle intrinsisch motiviert. Wenn ich denen eine Prämie zahlen würde, wären sie beleidigt." Stattdessen lobt er seine Mitarbeiter lieber auf Facebook. "Verdammt stolz auf das Magazino Team", schreibt er. "Zwei Nächte und ein kompletter Kommissionierautomat steht."

Für die Ministerin gehört das zu einer klassischen Selbständigen-Kultur, die es schon immer gab. Sie empfiehlt, die Billigjobs als Praktika zur Berufsvorbereitung zu deklarieren - und damit ihr eigenes Mindestlohngesetz zu umgehen. Sie mahnt aber auch, dass sich der grenzenlose Arbeitsspaß nicht ein Leben lang durchhalten lasse. Und dass sich das Zeitbudget sehr plötzlich ändert, wenn die Start-up-Enthusiasten von heute irgendwann Kinder bekommen.

Das Arbeitszeitgesetz aus dem Jahr 1994 beantwortet solche Fragen sehr eindeutig. Zwei Jahrzehnte ist es alt, der christdemokratische Arbeitsminister Norbert Blüm hat es angestoßen. Manche Formulierungen klingen wie aus einer vergangenen Zeit. Dort stehen Sätze wie: "Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten." Oder: "Die Arbeitnehmer müssen nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden haben."

Aber wie soll man eine solche Ruhezeit überhaupt einhalten, wenn Väter und Mütter früher nach Hause eilen, um ihren Nachwuchs aus der Kita abzuholen - und sich anschließend bis Mitternacht noch mal an den Schreibtisch setzen? Dürfen sie anderntags erst um elf im Büro erscheinen und beim Frühstück auf keinen Fall die Mails checken? Ist es umgekehrt tabu, vom Firmenschreibtisch aus den Urlaubsflug zu buchen? Bedrohen die Paragraphen, die einst dem Schutz der Beschäftigten dienten, heute ganz im Gegenteil deren Autonomie?

Früher lief es so: Die Arbeitnehmer verkauften einen Teil ihrer Zeit an den Arbeitgeber. Rund 40 Stunden in der Woche gehörten dem Beruf, der Rest war privat, die Grenze verlief für die meisten Beschäftigten ziemlich strikt. Nur selten schleppte ein Angestellter oder ein Beamter seine Akten im Koffer mit nach Hause, oft war das sogar verboten. Umgekehrt waren private Telefonate während der Arbeitszeit weitgehend tabu. Falls doch mal ein Notfall eintrat, hatte der Arbeitnehmer 23 Pfennig pro Ortsgespräch an die Firma zu entrichten.

Im Grunde war es noch immer die Welt, in der einst Karl Marx seine Theorie von der "entfremdeten Arbeit" entwickelt hatte. Für 40 Stunden pro Woche hatte sich der Beschäftigte mehr oder weniger verkauft, der Rest der Zeit gehörte ihm.

In Unterschleißheim bei München lässt sich das Gegenmodell studieren. Die Deutschlandzentrale des Software-Giganten Microsoft ist genau entgegengesetzt organisiert. Von außen sehen die Häuser aus wie normale Bürogebäude. Drinnen stellt man als Erstes fest: Es duzen sich alle, keiner trägt Krawatte - und es ist erstaunlich leer. Nur 20 bis 30 Prozent der Beschäftigten halten sich gewöhnlich zur Kernarbeitszeit in dem Gebäude auf. Sie kommen, um sich mit Kollegen zu treffen, Projekte zu besprechen, den neuesten Klatsch mitzubekommen. Verpflichtet sind sie dazu nicht. Sie können arbeiten, wann und wo sie wollen - vorausgesetzt, die vereinbarten Ziele werden eingehalten.

Vor zweieinhalb Jahren wollte die Firma ihre Regeln fürs Home Office überarbeiten, berichtet die Betriebsratsvorsitzende Kerstin Lippke. "Dann haben wir gemerkt: Es geht eigentlich um etwas ganz anderes." Das Ergebnis war eine Betriebsvereinbarung über "Vertrauensarbeitszeit" und "Vertrauensarbeitsort". Seitdem arbeiten die Microsoft-Leute ganz offiziell, wann und wo sie wollen. Wirklich neu war das für die Firma nicht. "Wir beschreiben einen Zustand, der längst existiert", sagt Betriebsrätin Lippke. Aber das Echo von außerhalb war enorm, auch die Ministerialbeamten in ihren traditionellen Büros staunten - Leute also, die für Befürworter der neuen Arbeitswelt in einer Art Käfighaltung verharren.

Thorsten Hübschen, der bei Microsoft das Kerngeschäft der Office-Programme verantwortet, stellt sich mit Besuchern gern vor einen großen Bildschirm. Das Gerät eignet sich besonders für Meetings im Stehen. "Arbeiten im Stehen ist sehr viel gesünder", sagt Hübschen. "Sitzen ist eines der größten Gesundheitsrisiken." Es könnte eine Art Motto sein für die Arbeitsphilosophie des Konzerns. Demnächst soll die Deutschlandzentrale nach München in die Stadt ziehen. Viele Sitzgelegenheiten wird das neue Haus im nördlichen Schwabing nicht mehr bieten, jedenfalls keine Schreibtische. "Der Schreibtisch ist praktisch tot", sagen die Microsoft-Leute.

Das Gebäude wird in verschiedene Zonen aufgeteilt sein, für Gespräche oder für Gruppenarbeit. Das hält nicht nur Körper und Geist mobil, es spart auch Bürofläche ein. Gelegentlich vorbeischauen sollen die Mitarbeiter trotzdem noch. Der Versuch soll nicht enden wie bei Yahoo: Der Internetkonzern beorderte seine Mitarbeiter wieder in die Firma zurück. Die Chefin wollte wieder mehr kreative Gespräche in der Kaffeeküche. Vielleicht hatte sie auch das Gefühl, dass die Leute ihrer Kontrolle entglitten.

Computer gibt es in der modernen Arbeitswelt ohnehin nur noch als "Laptop", der im tatsächlichen Wortsinn zu benutzen ist: "auf dem Schoß". Damit hat sich inzwischen auch die Arbeitsministerin arrangiert, eine Verordnung ihrer Beamten über den Zustand heimischer Arbeitsstätten stampfte sie wie-der ein.

Für die Firma geht es dabei natürlich auch ums eigene Produkt. Dank Microsoft Office steckt in dem kleinen Gerät heute das ganze Büro. Schreibtisch und Aktenschrank, Telefon und Terminmappe - das alles ist überflüssig, oder besser: Es ist transportabel geworden, überall und jederzeit verfügbar. Das gilt auch für die Daten, die nicht mehr im Firmenrechner stecken, sondern von jedem Ort erreichbar in der Cloud. So universell ist das Prinzip, dass die Marke gar keine Rolle mehr spielt. Auch Produkte des Konkurrenten Apple dürfen die Mitarbeiter inzwischen benutzen.

Der Microsoft-Manager Hübschen hat über die neue Arbeitswelt ein Buch geschrieben, gemeinsam mit Personalchefin Elke Frank. "Out of office" heißt es, und die beiden finden, dass wir die Arbeit "neu erfinden" müssen. "Arbeit kann stattfinden, wo sie eben stattfindet - wenn es ein klein wenig Platz gibt am Tischchen im ICE oder einen Stehtisch im Coffee-to-go-Laden." Vom modischen Gerede über die Work-Life-Balance halten auch Frank und Hübschen wenig, Arbeit und Leben

fließen für sie ineinander. "Eine Trennung der beiden Welten sollte nicht das Ziel sein", schreiben sie. Das klingt ganz wie im Münchener Startup.

Das Modell Microsoft ist bei weitem nicht mehr so exotisch, wie viele meinen. Mehr als die Hälfte aller Unternehmen bieten für Bewerber mit Hochschulstudium inzwischen solche Vertrauensarbeitszeitmodelle an. Für die Beschäftigten klingt das erst mal prima. Wenn sie lieber nachts arbeiten, dürfen sie morgens lange ausschlafen. Wenn sie Kinder haben, können sie sich am Nachmittag um sie kümmern. Und wenn sich ein IT-Fachmann, Mitte zwanzig, nachmittags zu einem wichtigen Wettbewerb im Drachensteigen verabschiedet: Dann wundert sich der Chef, anders als noch vor ein paar Jahren, heute überhaupt nicht mehr. Der Kite-Fan muss nicht mal fragen.

Für andere ist es die Horrorvision, der Zugriff des Arbeitgebers auf den ganzen Menschen. Selbst die beiden Microsoft-Visionäre schreiben, jeder müsse sich selbst fragen: "Bin ich der Typ für so etwas, bin ich in der Lage, auch zu Hause zu arbeiten?" Jeder muss sich selbst Grenzen setzen, auch das fällt nicht immer leicht. Und die Firmen würden das Modell kaum propagieren, wenn sie sich davon nicht mehr Produktivität versprächen.

Im Grunde wird jeder Mitarbeiter selbst zum Unternehmer. Er bezieht zwar noch sein festes Gehalt, aber nicht mehr dafür, dass er einen bestimmten Teil seiner Lebenszeit hergibt. Er wird bezahlt für Produkte, die er regelmäßig abliefert. Das bedeutet erst einmal mehr Selbstbestimmung.

Aber es kann auch anstrengender sein als die alte Sicherheit der Stechuhr: Wenn früher etwas in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen war, lag das Risiko bei der Firma, nicht beim Arbeitnehmer. Das ist heute anders. Jeder ist so etwas wie ein kleiner Selbständiger, da erfüllt die neue Arbeitswelt beinahe die Utopie der Frühsozialisten aus dem 19. Jahrhundert - außer, dass die Beschäftigten an Gewinnen und Verlusten nicht voll beteiligt sind. Die Idee scheiterte allerdings schon vor 200 Jahren daran, dass sie für die meisten Leute im Alltag zu anstrengend war.

Entsprechend groß sind die Ängste, zumal viele glauben, dass die Digitalisierung nicht nur die Qualität der Jobs verändert, sondern viele auch vernichtet. Experten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) warnten vor den Jobverlusten durch das "zweite Maschinenzeitalter".

Carl Frey und Michael Osborne, Wissenschaftler der Universität Oxford, glaubten es sogar ganz genau zu wissen: 49 Prozent der Jobs würden wegfallen, sagten sie voraus. "Frey und Osborne" ist seither die Formel aller Skeptiker. Betroffen sind nach den Voraussagen vor allem Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation. Spezialisten würden weiterhin gebraucht, auch viele einfache Tätigkeiten ließen sich nicht so leicht ersetzen. Alles dazwischen schon.

Frank Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, beschwört in seinen Reden einen ganzen Katalog von Gefahren herauf. Zu befürchten seien "soziale Ausgrenzung, Entdemokratisierung, totale Überwachung, die Entrechtung der Beschäftigten, Arbeitsplatzabbau, Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, Arbeitsverdichtung und Entgrenzung von Arbeit".

Nicht alle Vertreter der Arbeitnehmer sind so pessimistisch. Der Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, hat sich in einem gerade erschienenen Buch über die "Arbeit 4.0" sehr differenziert mit dem Phänomen auseinandergesetzt. Es ist eine Reise zu Praktikern und Experten. Eine davon ist die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer von der Universität Stuttgart-Hohenheim. Sie warnt vor irrationaler Panik - und macht sich über die tastenden Annäherungsversuche vieler Politiker oder älterer Wirtschaftskapitäne an das "Neuland" lustig: Wer schon länger in der digitalen Welt unterwegs sei, der wundere sich "über das Ausmaß an technischem Unverstand und naiver Euphorie, mit der nun die Cloud und Apps als Synonym für alles Mögliche gefeiert werden".

Auch Arbeitsministerin Nahles will sich sachte an das Thema herantasten. Neue Regulierung sei nicht das vorrangige Ziel, beteuert sie allerorten. Blüms altes Arbeitszeitgesetz will sie reformieren, die Vorschrift über die elfstündige Ruhezeit streichen, vieles den Tarifpartnern und Betriebsräten überlassen. Der Achtstundentag, hochsymbolisch in der Geschichte der Arbeiterbewegung, soll dagegen bleiben. Mit seinem gegenteiligen Vorstoß provoziere der Arbeitgeberverband nur Widerstände gegen jede Flexibilisierung, findet Nahles.

Der schwäbische Autozulieferer Bosch hat die Sache selbst in die Hand genommen. Management und Betriebsrat vereinbarten: Auch hier dürfen die Leute künftig arbeiten, wann und wo sie wollen - sofern es der jeweilige Job zulässt. "Die freie Wahl von Arbeitsort und -zeit steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter, liefert bessere Arbeitsergebnisse und stärkt die Kreativität", jubelte Arbeitsdirektor Christoph Kübel.

Allerdings hat die Sache einen Haken: Anders als bei Microsoft loggen sich die Beschäftigten über ihren Laptop ein, der dadurch zur digitalen Stechuhr wird. Deshalb mussten die Mitarbeiter im Gegenzug auf den Nachtzuschlag verzichten. Wer sich freiwillig nach den "Tagesthemen" an die Arbeit setzt, bekommt dafür nur das ganz normale Geld.

Aber ist die ganze Debatte um die neue Arbeitswelt, ums Ineinanderfließen von Freizeit und Beruf, womöglich nur eine Debatte unter Büromenschen? Betrifft sie überhaupt die Leute im Herz der deutschen Wirtschaft, der Industrie? Kann man den Schraubstock mit nach Hause nehmen?

Die Frage klingt absurder, als sie ist. Auch in der Realwirtschaft verschwimmen Grenzen, zunächst einmal zwischen Mensch und Maschine. Eine neue Generation von Robotern arbeitet nicht mehr abgeschottet im Sicherheitskäfig, sondern auf Tuchfühlung mit den Beschäftigten. Einfache Dinge erledigt die Maschine, komplexere Vorgänge der Mensch. Wenn zum Beispiel der Mechatroniker Viktor Robertus in der Stuttgarter Bosch-Fabrik Teile für Turbolader produziert, hilft ihm dabei der Greifarm des Roboters: Der Apparat fügt die Einzelteile zusammen, Robertus setzt die letzte Schraube obendrauf.

Vor allem aber programmiert er die Maschine selbst, worauf er mächtig stolz ist. Auch seine Arbeit wird autonomer und zugleich anspruchsvoller. Das ist nicht einfach in einem Betrieb wie dem Bosch-Werk in Stuttgart-Feuerbach, in dem ungefähr zwei Drittel der Beschäftigten ungelernte oder angelernte Arbeiter sind. Deshalb hat die Firma jetzt ein groß angelegtes Fortbildungsprogramm aufgelegt. Auch hier ist jetzt der ganze Mensch gefordert und nicht mehr der Befehlsempfänger alten Stils, der zu bestimmten Zeiten die immer gleichen Arbeiten verrichtete. Und was bei Bosch geschieht, hat Folgen weit über den Betrieb hinaus: Die Firma stellt nicht nur Autoteile her, sie beliefert auch die ganze Branche mit Maschinen. Was Bosch konstruiert, prägt die künftigen Arbeitsabläufe auch andernorts.

Wie viel auch ein scheinbar simples Tool verändern kann, zeigt der Getriebehersteller Borg-Warner im schwäbischen Ludwigsburg. Die Firma erstellt ihre Schichtpläne jetzt elektronisch, mit der Software der Schweizer Firma Doodle, die schon in vielen Büros bei Terminabsprachen hilft. Das klingt erst mal nach keiner großen Sache, es hat aber die alte Welt der starren Arbeitszeiten auch in den Produktionshallen durcheinandergewirbelt. Zwar dürfen die Mitarbeiter jene Zeiten, in denen sie privat verplant sind, ohne Angabe von Gründen schwarz markieren. Aber was ist, wenn sie das immer tun? Und darf der Arbeitgeber auch am späten Freitagabend noch eine Anfrage herumschicken, wer bei kurzfristigen Aufträgen die Sonderschicht am Sonntag übernimmt?

Das sind die Fragen, die zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat diskutiert werden. Und im Notfall, wenn sich nicht genügend Freiwillige finden, läuft die Personalplanung noch immer altmodisch übers Telefon. Aber insgesamt gilt das Modell als Erfolg, nach einer Testphase in einer Abteilung wollen es die Chefs jetzt aufs ganze Unternehmen ausweiten. Am meisten waren sie erstaunt, dass sie die Mitarbeiter gar nicht schulen mussten. Auch die Älteren waren ganz selbstverständlich in der Lage, auf dem privaten Smartphone oder auf dem iPad in der Firma die Termine zu bearbeiten. Wieder einmal hatte die Führungsebene, die so etwas gern von der Sekretärin erledigen lässt, den digitalen Fortschritt unterschätzt.

Im Gegenteil, einen Teil der Belegschaft hat das neue System sogar richtig glücklich gemacht. Bisher waren private Smartphones in den Werkshallen strikt verboten. Das ging jetzt nicht mehr, schließlich mussten die Leute jederzeit Zugriff auf den Schichtplan haben. Strahlend zeigt ein junger Mitarbeiter der Besuchergruppe sein iPhone, das er jetzt ständig in der Tasche trägt. Da kann er auch während der Arbeitszeit gelegentlich mal checken, was es auf Facebook zwischenzeitlich Neues gibt.

Neben ihm steht der Schichtleiter. Er ist sich noch nicht ganz sicher, ob er das jetzt richtig gut finden soll. Aber viele Möglichkeiten hat er nicht. Dass Dienstliches und Privates ineinanderfließen, ist offenbar nicht nur bei Bürojobs unaufhaltsam. Die Idee der Stechuhr ist auch dort auf dem Rückzug, wo es ganz handfest um Autoteile geht. Die Leute müssen am Wochenende einsatzbereit sein, dafür dürfen sie während der Arbeitszeit auch mal chatten. Ein kleines Stück Wohnzimmer hält jetzt auch in der Fabrikhalle Einzug. Selbst wenn die Sitzmöbel, anders als im Münchener Startup, noch nicht ganz so heimelig aussehen.