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Wie war ich, Coach ?

Die Komplexität einer globalen Arbeitswelt ist schwer alleine in den Griff zu bekommen. Professionelle Ratgeber helfen, doch nicht alle sind seriös - wo die Tücken in der Auslese liegen.

Quelle: DPA

Von Constanze Ehrhardt

Als Arne Büsing Rat bei der Planung seiner beruflichen Zukunft suchte, vereinbarte er einen Termin mit einem Business-Coach. Der Mann, zu dem er Kontakt über eine Bekannte erhalten hatte, schien sympathisch, das Angebot passend. Büsing, Führungskraft beim Chemie- und Pharmakonzern Merck und mit Coaching-Angeboten bislang nicht vertraut, verließ sich darauf, dass der vermeintliche Profi ihn fachgerecht beraten und leiten würde. Obwohl es ihn skeptisch machte, dass der Berater beim ersten Gespräch seine Methode nicht erläutern wollte und stattdessen sagte, er wolle "einfach erst einmal anfangen".

Beim nächsten Termin beantwortete Büsing viele Fragen: über sein Berufsleben, private Beziehungen, seine Herkunft. Es folgte sogar eine Familienaufstellung. Die Sitzung ähnelte mehr einem therapeutischen Gespräch als dem sogenannten systemischen Coaching, das sich an psychisch Gesunde wendet und deren berufliche Themen behandelt und sich von psychologischer Beratung klar abgrenzt. "Die Fragen waren interessant, aber das Gespräch wirkte ziellos", sagt Büsing. "Ich wurde gar nicht gefragt, was ich mit der Beratung eigentlich erreichen will."

Zum dritten Termin kam der Coach eineinhalb Stunden zu spät. Die Gesprächsinhalte kamen Büsing zudem beliebig vor. Er fragte nach, welche Strategie der Berater verfolge, und erntete Kritik für seinen "zu hohen Anspruch". Erst nach zehn bis zwölf Terminen ließe sich über ein handfestes Ergebnis sprechen, wurde ihm beschieden. "Ein Dutzend Sitzungen mit offenem Ausgang bei 150 Euro Stundensatz erschienen mir einfach falsch", erinnert sich der Chemiker. Dann erhielt er eine Rechnung, auf der auch die wegen Verspätung verkürzte Sitzung voll berechnet wurde. Büsing zahlte, aber beendete danach die Zusammenarbeit.

Sein Erlebnis ist kein Einzelfall. "Der größte Fehler auf der Suche nach einem Coach ist eine vorschnelle Entscheidung", sagt Christopher Rauen, Chef des Deutschen Bundesverbandes Coaching (DBVC). Weil der hierzulande noch junge Beruf des Coaches in der Phase der Professionalisierung stecke, sei die sorgfältige Auslese ein Muss - denn der erfahrene Experte soll seinem Klienten, dem Coachee, innerhalb kurzer Zeit fundierte Antworten zu drängenden Fragen im Berufsalltag liefern: Das kann Konflikte mit Kollegen betreffen oder eine Motivationsblockade, Stressbewältigung, Zukunftspläne oder den Aufstieg zur Führungskraft. Rauen empfiehlt, mindestens drei Coaches zu kontaktieren und jeweils ein erstes Sondierungsgespräch zu führen. Dieses sollte kostenlos oder zumindest kostenneutral sein, also auf spätere Sitzungen anrechenbar. Dränge ein Anbieter auf eine Vertragsunterzeichnung oder eine Anzahl verbindlicher Termine, spreche das gegen seine Seriosität.

Einen Grund für die hohe Nachfrage nach Business-Coachings sieht Rauen in dem Bedürfnis nach Durchblick in der sich rasant verändernden Arbeitswelt, in der komplett vernetzte Unternehmen global miteinander konkurrieren. Vor allem für die Jüngeren sei darum "Metakompetenz" von Bedeutung: "Diese Generation weiß, dass ohne Reflexion und Fähigkeit zur Selbststeuerung beruflicher Erfolg kaum möglich ist: Kein Gehirn kann die Komplexität der globalisierten und digitalisierten Arbeitswelt allein erfassen." Sich Beratung zu holen, das gelte nicht mehr als Schwäche, sondern als wertvolles und notwendiges Instrument für die berufliche Entwicklung.

Mehr Glück als Chemiker Büsing bei der Suche nach einem kritischen Begleiter auf Zeit hatte der Frankfurter Rechtsanwalt Jens Fransen. Auf einem Seminar lernte er Bettina Trittmann kennen, die Coaching speziell für juristische Führungskräfte anbietet. Ihre Fachkompetenz überzeugte ihn, denn Trittmann war vor ihrer Karriere als Beraterin lange in Kanzleien und als Richterin tätig gewesen. Für Fransen ein eindeutiges Pro: "Ich suchte jemanden, der die Strukturen und Fallstricke in der Kanzlei kennt."

Mit ihrer Hilfe bereitete sich der Rechtsanwalt auf den Wechsel als Partner in seiner Großkanzlei vor. Trittmann analysierte mit ihm, was es heißt, Führungskraft zu sein, von Inhalten über die Kommunikation bis hin zu Fransens Körperhaltung. Und deckte Schwächen auf, indem sie Feedback aus der Perspektive seiner Vorgesetzten formulierte. "Sie hat mit mir trainiert, wie ich tatsächlich gewirkt habe und wie ich eigentlich wirken will", resümiert Fransen. So habe er ein Gefühl dafür bekommen, Selbstbewusstsein und Zurückhaltung auszubalancieren und sich vor der Chefetage angemessen zu behaupten. Trittmann betont, dass auf der Suche nach dem richtigen Coach das persönliche Verhältnis den Unterschied mache: "Schon beim Kennenlernen sollten Sie das Gefühl haben, dem Coach vertrauen zu können. Umgekehrt heißt das, dem eigenen ,Störgefühl' zu folgen - falls Sie also merken, dass die Chemie nicht stimmt, lassen Sie es."

DBVC-Chef Rauen nennt als Triebfeder für eine gedeihliche Zusammenarbeit auf Zeit die konstruktive Kritik des Coaches, da nicht wenige Probleme aus mangelnder Rückmeldung entstünden, vor allem bei Führungskräften: "Wer Chef ist, wird selten kritisiert. Doch ohne Kritik ist gutes Führen nicht möglich." Zwar müssten Coach und Coachee persönlich harmonieren, der Berater solle jedoch kein Ersatz für einen Freund sein: "Ein guter Sparringspartner muss auch mal zuschlagen können", sagt er.

Da der Beruf des Coaches hierzulande nicht geschützt ist, ist die Qualität der Beratungsangebote stark unterschiedlich. "Eine Coaching-Ausbildung ist im Grunde eine Form der Weiterbildung", erklärt Rauen. Gemeinhin haben Coaches hierzulande ein Hochschulstudium absolviert und in ihrer Profession gearbeitet, bevor sie zum Coaching wechseln. Nicht alle dafür erworbenen Zertifikate sind jedoch seriös: Rund 30 Ausbildungen hat der DBVC als professionelle Qualifikation anerkannt. Und auch die Ausbildungsdauer ist höchst unterschiedlich: Bis zu fünf Jahre Fachausbildung können manche Berater vorweisen, laut Rauen sollten es jedoch mindestens 150 Stunden sein. "Fragen Sie in jedem Fall detailliert nach den Qualifikationen und ob der Coach auf Ihr Anliegen spezialisiert ist. Ein Profi wird darüber gerne Auskunft geben und sich nicht in Gemeinplätze flüchten."

Um Interessenten bei der Auslese des Sparringspartners zu helfen, führt der Bundesverband eine Datenbank mit den Adressen seriöser Coaches, die Mitglied im Berufsverband sind und eine fundierte Ausbildung absolviert haben. Bei einem Honorar von 150 Euro bis 350 Euro für eine Zeitstunde können die Kosten für das Coaching kräftig zu Buche schlagen: Auch wenn manche Fragen zügig geklärt werden können, sind für ein zielgerichtetes Business-Coaching laut Rauen in der Regel sechs bis zwölf Termine von jeweils zwei Stunden notwendig. Bisweilen lassen sich diese Kosten über den Arbeitgeber abrechnen, denn viele Unternehmen haben bereits den wirtschaftlichen Nutzen persönlicher Weiterentwicklung auf dem Radar.

Um Manager in kleinen Teams und in internationalen Konzerne in ihrer Funktion zu stärken, ermuntern sie Mitarbeiter ab einer bestimmten Führungsebene ausdrücklich zum Coaching auf Firmenkosten. Die Lufthansa etwa vermittelt ihren Managern aus einem Pool von rund 30 externen Business-Coaches je nach Anliegen einen passenden Berater: Bis zu zwanzig Stunden Coaching stehen Lufthansa-Mitarbeitern der oberen Führungsebene zur Verfügung.

Auch Chemiker Büsing wandte sich nach dem misslungenen ersten Coaching an seinen Arbeitgeber und absolvierte intern ein sogenanntes 360-Grad-Feedback - eine gängige Technik zur objektiven Einschätzung und Stärkung der Selbstwahrnehmung im beruflichen Umfeld, für das unter anderem die Resonanz von Vorgesetzten und direkten Kollegen gesammelt und ausgewertet wird. Die Ergebnisse besprach Büsing dann mit einem von Merck vermittelten Coach - diesmal mit Erfolg: Nach nur einer Sitzung hatte er Antworten auf seine Fragen gefunden.